Full text: Rede auf Wilhelm Grimm und Rede über das Alter

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fernste alter allen zu staunender bewunderung kundge- 
geben, und die herschergabe des groszen königs, dessen 
ruhmvolles andenken wir heute feiern, erschien sie nicht 
bis zum schlusz seines daseins unermattet, unversiegt? 
andern steigt der mut über die kraft hinaus. es mag ar- 
beiten und unternehmungen geben, die sich für das alter 
besonders eignen, die emsig eingeholte erfahrung voraus- 
setzen und stillen, ruhigen abschlusz verlangen: ein phi- 
lolog durfte wagen zuletzt an ein wörterbuch die hand 
zu legen, dessen fernliegendes, fast zurückweichendes 
endeziel in der engen frist des ihm noch übrigen lebens, 
wo die regentropfen schon dichter fallen, leicht nicht 
mehr zu erreichen steht. diese aus dem bescheidenen 
gefühl menschlicher unzulänglichkeit entsprungene er- 
wähnung wird nicht misgedeutet werden. 
Zu also ungetilgter arbeitsfähigkeit und ungetrübter 
forschungslust gesellt sich aber ein anderer und höhe- 
rer vorzug der zusamt mit dem alter wachsenden und 
gefestigten freien gesinnung. in wem (und welchem 
menschen sollte das versagt sein?) schon von frühe an 
der freiheit keim lag, in wessen langem leben die edle 
pflanze fortgedieh, wie könnte anders geschehen, als dasz 
sie im herzen des greises tief gewurzelt erschiene und 
ihn bis ans ende begleitete? je näher wir dem rande 
des grabes treten, desto ferner weichen von uns sollten 
scheu und bedenken, die wir früher hatten, die erkannte 
wahrheit, da wo es an uns. kommt, auch kühn zu be- 
kennen. auf ihrem verleugnen beruht der fortbestand 
und die verbreitung schädlicher und groszer irthümer. 
nun ist uns in vielen verhältnissen gelegenheit geboten 
eine freie denkungsart zu bewähren, hauptsächlich aber 
zu äuszern hat sie sich in. den beiden lagen, wo das 
menschliche leben am innersten erregt und ergriffen ist,
	        

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