Full text: Rede auf Wilhelm Grimm und Rede über das Alter

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ersieht noch was der ohrenzeuge nicht mehr hört. künst- 
liche hülfe kann dem ohr nur geringe, dem auge die 
bedeutsamste geleistet werden. durch ein fernrohr er- 
blickst du auf entlegnem pfade ’einen wandersmann da- 
hergehen, du vermagst seine gesichtszüge und gebärden 
zu unterscheiden, die knöpfe seines rocks zu zählen, aber 
was er spricht oder ruft bleibt dir unvernehmbar. dem 
gesicht wird solche macht zugegeben, dem gehör ver- 
sagt. des hörens bedürfen wir zu vielem, des sehens 
fast zu allem. wer will es leugnen, dasz die verhüllung 
des auges ein schwereres leiden sei als die verdumpfung 
des ohrs, blindheit den menschen härter treffe als taub- 
heit? wem das gehör stockt, der kann, es ist wahr, nicht 
mehr die liebliche stimme, die vertraute anrede der men- 
schen vernehmen und meidet ihre kreise; allein sein auge 
schaut noch offen in die welt, wie zuvor, das neuge- 
schehende wird ihm heutzutage frisch auf der stelle ge- 
druckt zugetragen und alles was ihm bestimmt verkün- 
digt werden soll, kann ihm ohne beschwer schwarz auf 
weisz hinterbracht werden. seine kenntnisse, seine bis- 
herigen arbeiten lassen nicht nach, sondern haben einen 
desto ungestörteren fortgang, als ihn überflüssige rede, 
unnützes geschwätz nicht mehr unterbricht. Ganz an- 
ders und weit stärker angegriffen stellt sich hingegen 
die gewohnte wirksamkeit des erblindenden dar. mit ei- 
nemmal sind ihm seine vorher gepflogenen und betrie- 
benen geschäfte wie abgeschnitten, er darf nicht mehr 
den eignen, sondern musz fremden augen trauen, die 
ihm aufschlagen sollen, der stimme eines andern, die 
ihm vorliest, was er lieber im buche sähe,” um einhalten 
oder zweimal lesen zu können, wo er lust dazu hat. alle 
hergebrachte leichtigkeit und sicherheit seines lebens ist 
dahin geschwunden; trauliche bezüge seines umgangs
	        

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