Full text: Rede auf Wilhelm Grimm und Rede über das Alter

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Man könnte also, ohne paradox zu sein, aufstellen, 
dasz im alter so oft es die gesundheit angreife und er- 
schüttere, dazwischen ein gefühl des wohlseins reger 
walte, als in den vorausgegangenen lebensstufen. die em- 
pfindung beiwohnender kraft und stärke ist auch wenn 
sie ihrer unbewust bleibt, köstlich, doch übertroffen wird 
sie noch von dem eindruck der erholung nach eingetre- 
tener müde, von der wonne der herstellung oder des 
genesens da wo die gesundheit einmal gewichen und aus- 
geblieben war. ruhe ist durch vorangegangenes ermat- 
ten, heilung durch krankheit bedingt, und mitten in der 
ruhe oder genesung wirkt noch ein sie steigerndes nach- 
gefühl des müden und kranken zustandes. kindern sagt 
man nach, dasz sie in ihre gesundheit toben, jünglinge 
schlagen sie oft in die schanze und männer haben nicht 
recht zeit ihrer zn gedenken. 
so wie ein mann, der durchaus bis zum innersten kerne gesund ist, 
nie der gesundheit denkt, noch des gangs ein rüstiger wandrer. 
Voss 2. 19838. 
den alten wanderer labt es aber über seinen vollbrachten 
gang nachzudenken und greisen erhöht sich zusehends 
die sorgfalt auf ihre leibespflege. sie lernen sich vor 
allem hüten was ihnen gefahr droht und alle günstigen 
einflüsse bringen ihnen behagen. 
Ich möchte vom erblinden und ertauben, die zwar 
in jeder zeit des lebens, doch meist gegen dessen schlusz 
stattfinden, etwas näher reden. das licht ist stärker, ed- 
ler, schneller als der erst hinter ihm ausbrechende, ihm 
nachfolgende schall. das auge ist ein herr, das ohr ein 
knecht, jenes schaut um, wohin es will, dieses nimmt 
auf was ihm zugeführt wird. darum hat auch die natur 
das auge reicher ausgestattet und der sehkraft viel grö- 
szere tragweite gegeben als der hörkraft, ein augenzeuge
	        

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