Full text: Rede auf Wilhelm Grimm und Rede über das Alter

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ohr verliert seine feine schärfe und empfindet sausen 
oder pfeifen; die stimme wird dünn, heiser und rauh, 
sie mag nicht mehr lauter und rein aus der brust ge- 
zogen werden. jene mängel des gesichts und gehörs 
können sich bis zu voller blindheit und taubheit stei- 
gern, wie die steifheit der glieder und des gefühls über- 
treten in. machtloses zittern, wovon das höhere greisen- 
alter das zitternde, bebende genannt wird. 
Es ist wahr und unwidersprochen, dasz im alter 
eine merkbare minderung dieser leiblichen vermögen er- 
folge und dasz zwar nicht schwere krankheiten, dagegen 
die menge von leichten es öfter heimsuchen als zur übri- 
gen lebenszeit. doch gilt hier einspruch und vielfache 
beschwichtigung. jene abnahme ist noch keine nieder- 
lage, oft nur ein neues glühen und auftauchen der lebens- 
kraft. die meisten ungeleugneten übel und gebrechen 
des alters treten dann als einzelangriffe vor, die mit al- 
lem gewinn einer glücklichen vertheidigung ganz oder 
theilweise abgeschlagen werden. gibt doch die natur 
keinen menschen so preis, dasz sie ihm alle mittel der 
gegenwehr alsbald entzöge und für erlittne einbusze nicht 
auch manigfache vergütung bereit hielte. nehmen wir 
die sinnlichen entbehrungen zum beispiel. man sagt im 
blinden verfeinert sich das gefühl nicht selten bis auf 
den grad, dasz er mit allen fingerspitzen gleichsam sehe; 
bei tauben leuten soll sich geschmack und geruch höher 
als sonst ausbilden und bei verwachsnen oder schon bei 
hinkenden mag der auf ihre innere gliederung durch das 
theilweise hemmnis ausgeübte druck wol in zusammen- 
hang stehn mit einer angestrengten und gestärkten gei- 
steskraft, die sich häufig an ihnen gewahren läszt. jedes 
übel und leiden führt leicht im stillen irgend einen zu 
gute kommenden ersatz mit sich.
	        

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