Full text: Deutsche Grammatik (Erster Theil (Erster Teilband))

XXVIII 
tung soll damit ausgedrückt werden. Denn weder war die 
vollkommenste Form einer Sprache, die uns in der Ge 
schichte aufgestellt ist, ganz von dem geistigen Princip ent 
blößt, noch wird sich jemals die geistig gebildeteste völlig von 
dem leiblichen losreißen, vielmehr sind beide nothwendig 
vereinigt, nur nach verschiedenen Graden. Das Gesagte 
bewährt sich durch die Geschichte der Poesie, die noch von 
andern Einflüssen abhängt; wir erblicken unsre Dichtung 
vom achten bis zum elften Jahrhundert, hernach vom vier 
zehnten bis zum achtzehnten verwildert; dazwischen im zwölf 
ten , Vreizchnten und achtzehnten aufblühend, also nicht ge 
rade abhängig von der mehr oder minder vermögenden 
Sprache. Auch gibt es für die Poesie Uebergänge, wo sich 
das Princip geistiger Sprachbildung mit ihr vermählt. An 
sich aber herrscht in der Poesie die gleiche entgegengesetzte 
Richtung: Fülle und Beweglichkeit des Epos auf der einen, 
geistige Kraft des Dramas auf der andern Seite. Die alte 
Sprache und Dichtung sind reiner, unbewußter, dem himm 
lischen Ursprung noch näher, darum großartiger; die neuen 
unter den Menschenhänden arm und verwickelt geworden. 
4) Die Vorstellung, welche man sich von der Rohheit 
der Deutschen und ihrer Sprache zu Tacitus Zeiten macht, 
ist nichtig und sogar abgeschmackt. Ich will hier einige 
Gründe Adelungs *) näher beleuchten. Er meint, daß die 
damaligen deutschen Wörter einsilbig, durch gehäufte Conso- 
nante, Hauchlaute und tiefe Vocale hart und rauh, und 
wohl einige der nöthigsten, aber nicht alle Biegungen vor 
handen gewesen wären. Was die Biegungen angeht, so 
bin ich völlig gewiß, daß sie zu jener Zeit vollkommner und 
vollständiger waren, als je nachher. An Wohllaut, vollem, 
starkem und weichem kann es gar nicht gefehlt haben, und 
schon die Vortrefflichkeit der Flexion mußte ihn mit sich 
führen. Die tiefen Laute und die Diphthonge sind ihm 
nicht schädlich, vielmehr förderlich, denn der wahre Wohl 
laut ruht in dem Ebenmaß aller Laute und unsere jetzige 
Sprache hat nur einen schwachen Wohllaut, weil sie zu viel 
a und u eingebüßt. Daß dem Römer die deutsche Sprache 
unaussprechlich und schwer geschienen, ist etwas anders und 
könnte sich ebenso erklären, wie die Scheu der Franzosen vor 
wohlklingenden deutschen Wörtern **). Mir scheint es in- 
*) Aeltcste Geschichte der Deutschen. S. 3-8-32». 
Räder besehen, beziehen sich die bekannten Aeußerungen auf 
laute Kricgsgesange, wo die sanfteste Sprache rauh werden 
muß (»sperit», ton», und es heißt dazu »akeolstu»). Nie 
mand kann sich einbilden, daß TaciiuS Namen wie: V«lell,.
	        

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