Full text: Kasseler Dichterbuch

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Die Gerechtigkeit. 
Als bet junge König feinen Einzug hielt, 
mischte sich unter sein zahlloses Gefolge auch 
eine fremde Frau. Sie hatte sich wie die 
andern in Weiß gekleidet und ein blaues Band 
durchs Haar gewunden. Weil sie aber so seltsam ernste 
Augen hatte, ging ihr jedermann scheu aus dem Wege. 
Ein jeder meinte, sie zu kennen und wußte doch ihren 
Namen nicht. Da erfaßte ein Kind furchtlos eine Falte 
ihres Kleides, sah vertrauensvoll zu ihr auf und sagte: 
„Ich kenne dich! Du bist die Gerechtigkeit!" 
Das hatte einer von den Mannen des Königs 
gehört, der hinterherkam. Dem gingen da auch auf 
einmal die Augen auf. Als er ihrem leuchtenden Blicke 
begegnete, trat er zu ihr und sagte erstaunt: „Ach ja, 
jetzt erkenne ich dich. Aber wie konntest du es auch 
wagen, dich in so gewöhnlichem Gewände unter das 
Volk zu mischen! Du giltst doch nur in deinen Ab 
zeichen, die dir der König verliehen." 
„Wie weit ist es mit diesem Geschlechte gekom 
men," erwiderte die Gerechtigkeit mit abgekehrtem Ge 
sicht. „Immer nur will man in mir die Gewappnete 
setzen. Bin ich denn nicht der Liebe Tochter? Wann 
wird nran sich wieder an mein natürliches Antlitz ge 
wöhnen und nicht mehr verlangen, daß ich das Schwert 
tragen und mir die Augen verbinden soll?" — 
Der Kriegsmann schüttelte schweigend den Kopf 
und eilte weiter. Das Kind aber hing an ihrem Rocke 
und ließ nicht ab. Sie hob es empor, küßte es und 
sagte: „Sterben nrüßte ich, wenn du mich nicht ver 
ständest." — 
Wer darum die Gerechtigkeit nicht kennt, der 
frage ein Kind.
	        

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