Full text: Kasseler Dichterbuch

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Der Rudi marschiert vor dem Wohnstubenspiegel 
Und macht wohl zum hundertsten Male Honneur. 
Soll er Kavallerie oder Infanterie wählen? 
Der Frage Entscheidung macht doch ihm Beschwer. 
Wir stehen am Wege, nun mutz er bald kommen — 
Vor Ungeduld weiß man nicht ein und nicht aus — 
Nun ist er vorüber — „ich hab' ihn gesehen"! 
Schallt's stolz noch nach Stunden durch Garten Und 
Haus. 
Und Hänschen, der gar nichts von allem gesehen 
Weil ganz in der hintersten Reihe er stand — 
Noch nie sah den Schalk ich so wichtig sich blähen — 
Behauptet: „Der Kaiser gab mir ja die Hand!" 
Wie stolz er sich fühlt in dem wonnigen Glauben! 
Und war's nicht der Kaiser und war es auch nur — 
(Wer möchte des wonnigen Wahns ihn berauben?) 
Ein Schutzmann in neuester Garnitur! 
Kbendsrieden. 
Träumend liegt der klare See, 
Wind und Welle schlafen; 
All die bunten Boote ruh'n 
Still im kleinen Hafen. 
Dämm'rung senkt sich leis herab 
Auf die duft'gen Matten, 
Über Schilf und Weidenbusch 
Huschen Abendschatten. 
Leis verhallend ist verstummt 
Froher Kinder Singen, 
Nur des Käuzleins schrillen Schrei 
Hört man fernher klingen.
	        

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