Full text: V. Teil (5. Teil, 1889)

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Milte des September, nach einem Leben von etwa vier Monaten, ist 
alles wieder tot und die Vervielfältigung der Brut fürs nächste Jahr 
vorbereitet. Was die Art und Schnelligkeit des Fortbewegens dieser 
alten, beflügelten Heuschrecken betrifft, so ist der Flug einer jeden wie 
der eines unbehilflich fliegenden Vogels. Sie machen dabei ein beständiges 
Geräusch mit den Flügeln. Bei schönem, heiterm Wetter fliegen sie sehr 
hoch, wohl 20 bis 30 Faden hoch. Bei trübem Wetter fliegen sie viel 
niedriger, kaum einen Faden hoch. Aus der großen Höhe, in der sie bei 
klarem Wetter fliegen, lassen sie sich ganz allmählich herab und neigen 
sich, wenn sie von fern einen Weideplatz entdecken, langsam zu ihm nieder. 
Sind sie aber etwa bis auf die Höhe einer Klafter über die Pflanzen 
und Bäume gekommen, so lassen sie sich fallen und schießen so heftig 
herab, daß man glauben möchte, es fielen Steine. Wenn plötzlicher 
Regen sie überfällt, so schlagen sie sogleich herunter. Gewöhnlich merken 
sie aber den Regen bereits, wenn er noch im Anzuge ist, und sitzen schon 
am Boden, wenn er da ist. Der Schatten, den eine Heuschreckenwolke 
wirft, ist so stark, daß er an heißen Sommertagen angenehm kühlt. Man 
sieht von der Sonne nicht eine Spur, und die durch einen solchen Schwarm 
hervorgebrachte Verfinsterung am hellen, klaren Mittage ist stärker als 
die von einer schwarzen Regenwolke veranlaßte. Die Schnelligkeit des 
Fluges ist natürlich je nach Wind und Wetter sehr verschieden, doch ist 
es ausgemacht, daß ein Heer von mittlerer Größe bei ruhigem Wetter in 
acht Stunden drei Meilen zurücklegen kann. Eigentümlich ist das Zu 
sammenhalten dieser Tiere. Denn wenn auch viele auf mancherlei Weise 
unterwegs getrennt werden, so bleibt doch immer die Hauptmasse bei 
sammen, und selbst die nachgebliebenen raffen sich wieder auf und schließen 
sich ihr von neuem an. Da ihnen der Wind jedenfalls unangenehm ist, 
selbst wenn sie vor demselben fliegen, so lassen sie sich überall an wind 
stillen Stellen, hinter Bergen, in Thälern u. s. w., nieder. Was ihre 
Anzahl betrifft, so ist sie natürlich sehr verschieden; es streifen oft ganz 
kleine Heere von wenigen Millionen umher, Nachzügler, verschlagene 
Trupps und unbedeutende Sippschaften, dann aber wieder ungeheure 
Armeeen. Man muß erschrecken, wenn man an die Zahl dieser Tiere 
denkt, die, wie mir ein Russe sagte, ein Gebiß wie die Pferde, einen 
Hunger und eine Freßgier wie die Wölfe und eine Schnelligkeit der Ver 
dauung haben wie kein zweites Tier auf Erden. Die Speise der Heu 
schrecken bilden alle grünen Blätter, welche auf der Flur oder in den 
Gärten wachsen, und ebenso alle grünen, weichen Zweige, die nicht allzu 
holzig sind, das Gras der Steppe, die Blätter der Bäume, die zarten 
Zweige aller Pflanzen, das Getreide, das Schilf, die Zwiebeln und selbst 
die oberen Enden der weichen Wurzeln. Ihre Freßgier verschont gar 
nichts, macht die Schilfrohre und Maisstämme zu Stümpfen und die 
grünenden Sommerbäume zu Winterbaum-Gerippen. Das Knistern der 
rasch zerbissenen Halme und das Schütteln der Flügel, das beim 
Fressen nicht aufhört, bringt ein Geräusch hervor, welches ganz dem 
gleicht, das eine Herde rupfender Schafe macht. Fallen die Heuschrecken 
auf Kornfelder, und sind diese „noch nicht gelb und hart, so fressen sie 
alles mit Stumpf und Stiel, Ähren und Halme, rein weg. Die Leute 
haben in solchen Fällen wohl schon schnell das Korn umgehauen, um
	        

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