Full text: V. Teil (5. Teil, 1889)

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Er sah die schwarze mit der weissen 
abwechselnd an der Wurzel heissen. 
Sie nagten, zausten, gruben, wühlten, 
die Erd’ ab von der Wurzel spülten; 
und wie sie rieselnd niederrann, 
der Drach’ im Grund’ aufblickte dann, 
zu sehn, wie bald mit seiner Bürde 
der Strauch entwurzelt fallen würde. 
Der Mann, in Angst, in Furcht und Not, 
umstellt, umlagert und umdroht, 
im Stand des jammerhaften Schwebens, 
sah sich nach Bettung um vergebens. 
Und da er also um sich blickte, 
sah er ein Zweiglein, welches nickte, 
vom Brombeerstrauch mit reifen Beeren; 
da konnt’ er doch der Lust nicht wehren; 
er sah nicht des Kameles Wut 
und nicht den Drachen in der Flut 
und nicht der Mäuse Tückespiel, 
als ihm die Beer’ ins Auge fiel. 
Er liess das Tier von oben rauschen 
und unter sich den Drachen lauschen 
und neben sich die Mäuse nagen, 
griff nach den Beerlein mit Behagen; 
sie «leuchten ihm zu essen gut, 
ass Beer’ um Beerlein wohlgemut, 
und durch die Lässigkeit im Essen 
war alle seine Furcht vergessen. 
Du fragst: Wer ist der thöricht’ Mann, 
der so der Furcht vergessen kann ? 
So wiss’, o Freund: der Mensch bist du! 
Vernimm die Deutung auch dazu : 
Es ist der Drach’ im Brunnengrund’ 
des Todes aufgesperrter Schlund; 
und das Kamel, das oben droht, 
es ist des Lebens Angst und Not. 
Du bist’s, der zwischen Tod und Leben, 
am grünen Strauch derWeltmuss schweben. 
Die beiden, so die Wurzel nagen, 
dich samt den Zweigen, die dich tragen, 
zu liefern in des Todes Macht, 
die Mäuse heissen Tag und Nacht. 
Es nagt die schwarze wohl verborgen 
vom Abend heimlich bis zum Morgen; 
es nagt vom Morgen bis zum Abend 
die weisse, Wurzel untergrabend. 
Und zwischen diesem Graus und Wust 
lockt dich die Beere Sinnenlust, 
dass du das Lasttier Lebensnot, 
dass du im Grund den Drachen Tod, 
dass du die Mäuse Tag und Nacht 
vergissest und auf nichts hast acht, 
als dass du recht viel Beerlein haschest, 
aus Grabes Brunnenritzen naschest. 
Rückert. 
84. Das Kamel. 
Der Morgen dämmert über die Wüste; die Karawane schreitet in 
langem Zuge die kahle, endlose Ebene hin und fördert ihre Schritte nach 
dem einförmigen Tone der Pfeife. Die Kamele sind mit Ballen beladen, 
mit Tüchern bedeckt; auf ihnen sitzen die Mauren mit bunten Turbanen 
und Mänteln, mit Dolch und Säbel, ihren unzertrennlichen Gefährten. 
Den Kamelen zur Seite gehen die Sklaven, im schwarzen Angesicht das 
bleiche Auge. Voran reitet ein brauner, hagerer Araber, der rohe, ge 
bietende Herr des Zuges. Alles, ein buntes Gewimmel, ist in eine Wolke 
von Staub gehüllt. Die Sonne steigt empor, die Karawane kehrt sich ihr 
entgegen und grüßt den Herrn der Schöpfung. Höher hebt sich die 
Sonne, ihre Glut strahlt herab und wieder von der Erde auf, die wunden 
Sohlen schmerzen, die Glieder ermatten, und brennender Durst peinigt 
jeden. Kein Strom zieht die Silberwellen durch ein frisches Grün, weithin 
ist kein Gesträuch zu erspähen. Auf heißem, schattenlosem Boden schreitet 
die Karawane. Käme im Sturme eine schwarze Wolke, brächen Blitze sie 
zusammen, es würde Rettung den Schmachtenden bringen; das Gebrüll 
des Löwen wäre ihnen erwünscht, würde es doch ersehntes Land verheißen. 
Da liegt mitten in der Wüste ein Quell, ein lebendig begrabener, der
	        

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