Full text: V. Teil (5. Teil, 1889)

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karbatschte ihn so artig aus seinem Pelze heraus, daß es eine wahre Lust 
und ein rechtes Wunder zu sehen war. 
Zufall und gutes Glück machen oft manchen Fehler wieder gut. 
Davon erlebte ich bald nach diesem ein Beispiel, als ich mitten im tiefsten 
Walde einen wilden Frischling und eine Bache dicht hintereinander her 
traben sah. Meine Kugel hatte gefehlt. Gleichwohl lief der Frischling 
vorn ganz allein weg, und die Bache blieb stehen, ohne Bewegung, als 
ob sie an den Boden festgenagelt gewesen wäre. Wie ich das Ding näher 
untersuchte, fand ich, daß es eine blinde Bache war, die ihres Frischlings 
Schwänzlein im Rachen hielt, um von ihm aus kindlicher Pflicht fürbaß 
geleitet zu werden. Da nun meine Kugel zwischen beiden hindurch 
gefahren war, so hatte sie diesen Leitzaum zerrissen, von welchem die alte 
Bache das eine Ende noch immer kaute. Da nun ihr Leiter sie nicht 
weiter vorwärts gezogen hatte, so war sie stehen geblieben. Ich ergriff 
daher das übrig gebliebene Endchen von des Frischlings Schwänze und 
leitete daran das alte, hilflose Tier ganz ohne Mühe und Widerstand 
nach Hause. 
So fürchterlich diese wilden Bachen oft sind, so sind die Keiler doch 
weit grausamer und gefährlicher. Ich traf einst einen im Walde an, als 
ich unglücklicherweise weder auf Angriff, noch Verteidigung gefaßt war. 
Mit genauer Not konnte ich noch hinter einen Baum schlüpfen, als die 
wütende Bestie einen Seitenhieb nach mir that. Dafür fuhren aber auch 
ihre Hauer dergestalt in den Baum hinein, daß sie weder im stände 
war, sie sogleich wieder herauszuziehen, noch den Hieb zu wiederholen. 
Ha! ha! dachte ich, nun wollen wir dich bald kriegen. Flugs nahm 
ich einen Stein, hämmerte noch vollends damit darauf los und nietete 
die Hauer des Keilers dergestalt um, daß er ganz und gar nicht wieder 
loskommen konnte. So mußte er sich nun gedulden, bis ich vom 
nächsten Dorfe Karren und Stricke herbeigeholt hatte, um ihn lebendig 
und wohlbehalten nach Hause zu schaffen, was auch ganz vortrefflich von 
statten ging. 
81. Feigheit eines Tigers. 
Der Tiger ist eines der gefährlichsten Raubtiere; denn sein Blutdurst 
ist unersättlich. Aber so sehr man auch Ursache hat, ihn zu fürchten, so 
fehlt es doch nicht an Beispielen von seiner Feigheit. Einst hatte sich in 
Ostindien eine Gesellschaft an dem Ufer eines Flusses unter dem Schatten 
eines Baumes niedergelassen, um von einer kleinen Wanderung auszu 
ruhen. Alles scherzte und war fröhlich, als plötzlich aus dem nahen 
Dickicht ein Tiger hervortrat und sich zum Sprunge auf die Gesellschaft 
anschickte. Alles drängte sich ängstlich hinter den Baum; niemand wagte 
zu fliehen und noch weniger auf das furchtbare Tier loszugehen. Da 
plötzlich, in demselben Augenblicke, als der Tiger auf die versammelten 
Menschen lossprang, spannte eine Dame unwillkürlich ihren Sonnenschirm 
auf und hielt ihn dem Raubtier entgegen. Der Tiger, erschreckt, kehrte 
sogleich um und verschwand zwischen den dichten Stauden des nahen 
Schilfes, dessen Bewegung noch weithin die Schnelligkeit seiner Flucht
	        

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