Full text: V. Teil (5. Teil, 1889)

sprang an die Thür, hielt dem Bettler das Licht ins Gesicht, und — „je 
Bruder, bist du's, oder bist du's nicht?" — rief er und erkannte in 
ihm mit unbeschreiblichem Vergnügen seinen alten Freund. Da flössen 
nun süßere Thränen als vor Warschau dort im Polenlande. Der Schmied, 
welcher in diesem Dorfe eine reiche Witwe geheiratet hatte, brachte den 
matten, frierenden Pilgrim in die Stube, legte ihm seine Sonntagskleider 
an, setzte ihn in den Lehnstuhl am warmen Ofen, rief alle seine Leute 
zusammen und sagte ihnen, das sei er, das sei der liebe Bruder Schneider, 
von dem er ihnen soviel erzählt, und dem er es nächst Gott zu danken 
habe, daß er nicht schon lange in einem polnischen Kirchhofe faule. Die 
Meisterin, welche dem unbekannten Wohlthäter ihres geliebten Ehegatten 
schon oft Gottes Segen auf allen seinen Wegen gewünscht hatte, war zur 
Küche hineingesprungen, hatte eiligst ihre Hand auf beiden Seiten abge 
trocknet und sie unter den freundlichsten Grüßen dem werten Gaste hin 
gestreckt. Sie eilte aber bald wieder hinaus, um zwei fette Gänse 
abzuschlachten und ein festliches Mahl zu bereiten, wozu sie ihre ganze 
Freundschaft laden ließ. Der Schmied rief einmal über das andere: 
„Das soll mir ein Freudentag sein!" und herzte und küßte den treuen 
Kameraden, der noch immer ganz verstummt drein sah und die Sprache 
noch nicht recht finden konnte. 
Die Gänse wurden fertig, und der hungrige Schneider erinnerte sich 
nicht, in vielen Jahren so prächtig gespeist zu haben. Dabei erzählte ihm 
der Schmied seine bisherigen Schicksale, was dem Schneider wie die 
schönste Tafelmusik klang; und nachdem sich dieser satt gegessen, mußte 
auch er erzählen, wie es ihm ergangen sei. Alle Anwesenden wurden 
gerührt und gewannen den Fremdling bei seiner offenherzigen Erzählung 
so lieb, daß sie verlangten, er solle bei ihnen seinen Wanderstab nieder 
legen. Wer sehnte sich mehr nach einem Plätzchen der Ruhe als unser 
lieber Schneider? Es fror ihn noch, wenn er an die Schneegestöber 
dachte, die er in manchem Winter hatte durchfechten müssen. Mit Freuden 
ging er daher auf den von seinem Freunde gemachten Vorschlag ein, 
wurde auf alle Weise unterstützt, wurde Meister im Dorfe, wurde der 
Mann eines tugendsamen Weibes und erfreute sich des göttlichen Segens 
in so reichem Maße, daß er ohne allen Mangel leben konnte. ^ , 
So hatten es beide, der Schmied am Schneider und der Schneider 
am Schmied erfahren, was Sirach im 6. Kapitel spricht: 
„Ein treuer Freund ist ein Trost des Lebens; wer Gott fürchtet, 
der kriegt solchen Freund." 
Wie die Schatten früh am Morgen 
ist die Freundschaft mit dem Bösen, 
Stund' auf stunde nimmt sie ab. 
Aber Freundschaft mit dem Guten 
wächset wie der Abendschatten, 
bis des Lebens Sonne sinkt. Redcnbacher. 
73. Der preussische Edelstein. 
Wie in anderen Gegenden nahe hei hohen Gebirgen Diamanten, 
Rubine, Saphire und auch das edle Gold vorzugsweise in Sand 
und Lehm gefunden und aus denselben gewaschen werden, so
	        

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