Full text: V. Teil (5. Teil, 1889)

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12. Und die Sonne versendet glühenden 
Brand, 
und, von der unendlichen Mühe 
ermattet, sinken die Kniee: 
„O, hast du mich gnädig aus Räubers 
Hand, 
aus dem Strom mich gerettet ans 
heilige Land, 
und soll hier verschmachtend ver 
derben 
und der Freund mir, der liebende, 
sterben!" 
13. Und horch! da sprudelt es silberhell 
ganz nahe wie rieselndes Rauschen, 
und stille hält er, zu lauschen; 
und sieh, aus dem Felsen geschwätzig 
schnell 
springt murmelnd hervor ein lebendiger 
Quell; 
und freudig bückt er sich nieder 
und erfrischt die brennenden Glieder. 
14. Und die Sonne blickt durch der Zweige 
Grün 
und malt auf den glänzenden Matten 
der Bäume gigantische Schatten; 
und zwei Wanderer sieht er die Straße 
ziehn, 
will eilenden Laufes vorüberfliehn, 
da hört er die Worte sie sagen: 
„Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen." 
15. Und die Angst beflügelt den eilenden 
Fuß, 
ihn jagen der Sorge Qualen; 
da schimmern in Abendrots Strahlen 
von ferne die Zinnen von Syrakus, 
und entgegen kommt ihm Philo- 
stratus, 
des Hauses redlicher Hüter, - 
der erkennet entsetzt den Gebieter: 
16. „Zurück! du rettest den Freund nicht 
mehr, 
so rette das eigene Leben! 
Den Tod erleidet er eben. 
Von Stunde zu Stunde gewartet' er 
mit hoffender Seele der Wiederkehr, 
ihm konnte den mutigen Glauben 
der Hohn des Tyrannen nicht rauben."— 
17. „Und ist es zu spät und kann ich ihm nicht 
ein Retter willkommen erscheinen, 
so soll mich der Tod ihm vereinen! 
Des rühme der blut'ge Tyrann sich 
nicht, 
daß der Freund dem Freunde gebrochen 
die Pflicht; 
er schlachte der Opfer zweie 
und glaube an Liebe und Treue!" 
18. Und die Sonne geht unter, da steht er 
am Thor 
und sieht das Kreuz schon erhöhet, 
das die Menge gaffend umstehet; 
an dem Seile schon zieht man den 
Freund empor, 
da zertrennt er gewaltig den dichten 
Chor: 
„Mich, Henker," ruft er, „erwürget! 
Da bin ich, für den er gebürget." 
19. Und Erstaunen ergreifet das Volk 
umher; 
in den Armen liegen sich beide 
und weinen vor Schmerzen und 
Freude. 
Da sieht man kein Auge thränenleer; 
und zum Könige bringt man die 
Wundermür'; 
der fühlt ein menschliches Rühren, 
läßt schnell vor den Thron sie 
führen — 
20. Und blicket sie lange verwundert an. 
Drauf spricht er: „Es ist euch gelungen, 
ihr habt das Herz mir bezwungen; 
und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn; 
so nehmet auch mich zum Genossen an, 
ich sei, gewährt mir die Bitte, 
in eurem Bunde der dritte!" 
Schiller.
	        

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