Full text: V. Teil (5. Teil, 1889)

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Menge Schnee; er gefriert an seiner äußern Rinde und schmilzt nur teil 
weise im heißen Sommer an der Oberfläche. Diese Berge bieten daheo 
zu allen Jahreszeiten das prächtigste Schauspiel dar, besonders wenn bei 
Sonnen-Auf- und Untergang das ganze Land im Schatten liegt und nur 
diese höchsten einzelnen Schneekuppen, von den Sonnenstrahlen vergoldet, 
in unbeschreiblicher Herrlichkeit einsam hervorragen und glühen; man nennt 
dies deshalb auch das Alpenglühen. 
Was der Berg wegen des schroffen Abhanges nicht zu halten 
vermag, oder was die Stürme herabwehen, das füllt die nahegelegenen 
Thäler an, in denen daher der Schnee im Winter sich sehr anhäuft. In 
milderen Thälern löst die Frühlingswärme diese Schneemassen auf, und 
es finden sich dann dort die schönsten Alpenwiesen. In höher liegenden 
Thälern aber kann der Sommer diese Massen nicht überwinden; der 
Schnee bleibt nun immer liegen und bildet einen G letscher oder Firn.. 
Jeder Gletscher ist daher eine mit Schnee angefüllte Vertiefung. An der 
Oberfläche, an den Seiten und vorzüglich im Grunde, wo das Eis die, 
Luft und den Erdboden berührt, schmilzt es am stärksten; daher fließen 
aus jedem Gletscher mächtige Büche hervor; diese unterwühlen die ganze 
Masse und bilden zuweilen in sehr heißen Sommern da, wo ihnen der 
Bach entströmt, die prächtigsten Eisgewölbe. Dieses beständige Unter 
graben der Gletscher ist schuld, daß sie häufig zusammenbrechen. Mit 
donnerähnlichem Getöse entstehen tiefe Spalten und Schlünde, die in 
wenigen Stunden sich bilden und, wieder zusammengerückt, dem Wanderer 
besonders dann sehr gefährlich werden, wenn frisch gefallener Schnee sie 
bedeckt und eine trügerische Brücke über sie wirft. Diese Zertrümmerung 
verändert beständig die Oberfläche der Gletscher; die meisten zeigen ein 
wunderbares Gemisch von Eisklippen, Erhöhungen und Vertiefungen. 
Aus den Eisspalten brechen bei plötzlicher Luftveränderung häufig eiskalte 
Luftströme hervor, welche feine Eiskörner mit sich führen und wie Schnee 
gestöber um sich her verbreiten; dies nennt man das Gletschergebläse.. 
Die Gletscher sind in einer fast beständigen Zunahme begriffen; sie nehmen 
zu, sowohl an Dicke und Höhe, als an Ausdehnung, indem sie weiter in 
die Thäler sich hinabsenken, bis sie einmal wieder in heißen Sommern 
auf einige Zeit zurückgedrängt werden. Sie bedecken alle Bergabhänge 
und Thäler der höheren Alpen; man zählt ihrer über 400; manche 
darunter sind 6 bis 7 Stunden lang und V2 bis 3 k Stunden breit. 
Sie werden nur dem unvorsichtigen Reisenden oder dem allzu kühnen 
Jäger gefährlich. 
Größer ist die Gefahr, welche vielen Einwohnern der Schweiz und 
jedem im Hochgebirge Reisenden von den Lawinen droht. Damit be 
zeichnet man Schnee- oder Eismassen, welche von den Hochgebirgen in 
die Tiefe stürzen und oft sowohl durch unmittelbare Gewalt als durch 
den Luftdruck große Verheerungen anrichten: Ströme verstopfen, Häuser 
und Wälder fortreißen und Menschen und Tiere durch Ersticken töten. 
Sie entstehen, wenn bei tiefem Schnee gelindere Witterung eintritt, so 
daß derselbe locker wird und zum Zusammenballen sich eignet, was vor 
züglich im Frühling der Fall ist. So wurden am 12. Dezember des 
Jahres 1809 in den Bergbezirken der Schweiz, in Bern, Glarus, Uri, 
Schwyz und Graubünden, in einer Nacht und fast in der nämlichen
	        

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