Full text: V. Teil (5. Teil, 1889)

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Halt, guter Freund, der das sagt, kennt den Maulwurf besser als 
ihr alle und eure Maulwurfsfänger, wie ihr sogleich sehen werdet. 
Denn ihr könnt zweierlei Proben anstellen, ob er die Wahrheit 
sagt. Erstlich, wenn ihr dem Maulwurf in den Mund schaut. 
Denn alle vierfüfsigen oder Säugetiere, welche die Natur zum 
Nagen am Pflanzenwerk bestellt hat, haben in jeder Kinnlade, 
oben und unten, nur zwei einzige und zwar scharfe Vorderzähne 
und gar keine Eckzähne, sondern eine Lücke bis zu den Stock 
zähnen. Alle Raubtiere aber, welche andere Tiere fangen und 
fressen, haben sechs oder mehr spitzige Vorderzähne, dann Eckzähne 
auf beiden Seiten, und hinter diesen zahlreiche Stockzähne. Wenn 
ihr nun das Grebifs eines Maulwurfs betrachtet, so werdet ihr 
finden: er hat in der obern Kinnlade sechs und in der untern 
acht spitzige Vorderzähne und hinter denselben Eckzähne auf 
allen vier Seiten, und daraus folgt: er ist kein Tier, das an 
Pflanzen nagt, sondern ein kleines Raubtier, das andere Tiere 
frisst. Das merkt ihr auch zweitens, wenn ihr einem getöteten 
Maulwurf den Bauch aufschneidet und in den Magen schaut. 
Denn was er frisst, muss er im Magen haben, und was er im 
Magen hat, muss er gefressen haben. Nun werdet ihr, wenn ihr 
die Probe machen wollt, nie Wurzelfasern oder so etwas in dem 
Magen des Maulwurfs finden, aber immer die Häute von Enger 
lingen, Regenwürmern und anderm Ungeziefer, das unter der 
Erde lebt. 
Wenn ihr also den Maulwurf recht fleifsig verfolgt und mit 
Stumpf und Stiel vertilgen wollt, so thut ihr euch selbst den 
grössten Schaden und den Engerlingen den grössten Gefallen. Da 
können sie alsdann ohne Grefahr eure Wiesen und Felder ver 
wüsten, wachsen und gedeihen, und im Frühjahr kommt alsdann 
der Maikäfer, frisst euch die Bäume kahl wie Besenreis und bringt 
euch zur Vergeltung auch des Kuckucks Dank und Lohn. So 
sieht's aus Hebel. 
52. Der Bote im Jmrius. 
Aber die Lenzgestalt der Natur ist doch wunderschön! Wenn der 
Dornstrauch blüht und die Erde mit Gras und Blumen pranget! So 
ein Heller Dezembertag ist auch wohl schön und dankenswert, wenn Berg 
und Thal in Schnee gekleidet sind und uns Boten in der Morgenstunde 
der Bart reift; — aber die Lenzgestalt der Natur ist doch wunderschön! 
Und der Wald hat Blätter, und der Vogel singt, und die Saat schießt 
Ähren, und dort hängt die Wolke mit dem Bogen vom Himmel, und der 
fruchtbare Regen rauscht herab. 
„Wach auf, mein Herz, und singe 
dem Schöpfer aller Dinge —" 
es ist, als ob er vorüber wandle, und die Natur habe sein Kommen von 
ferne gefühlt und stehe bescheiden am Weg in ihrem Feierkleide und 
frohlocke. Claudius.
	        

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