Full text: V. Teil (5. Teil, 1889)

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zuzuhören. Ein wissbegieriger Jüngling kam oft mehrere Meilen 
weit nach Athen gegangen, um nur einen Tag den Unterricht des 
Sokrates zu gemessen. Einst befand sich die Vaterstadt dieses 
Jünglings in bitterem Streite mit Athen, und die Athener hatten 
den Bürgern derselben bei Todesstrafe verboten, ihre Stadt zu 
betreten. Siehe, da legt der junge Freund des Sokrates Weiber 
kleidung an und schleicht mit Lebensgefahr abends durch das 
Thor, um zu dem geliebten Lehrer zu gehen. 
Aber je eifriger Sokrates für Wahrheit und Tugend wirkte, 
desto heftigeren Hass zog er sich bei dem grossen Haufen seiner 
verdorbenen Mitbürger zu. Besonders zürnten ihm die hochmütigen, 
habsüchtigen Volksführer, deren Falschheit er oft in ernsten Worten 
züchtigte Endlich klagten sie ihn sogar öffentlich an. Sie sagten: 
,,Sokrates glaubt nicht an unsere Götter und verdirbt durch seine 
Lehren die Jugend.“’ Und der edle Weise, schon ein Greis von 
70 Jahren, wurde vor Gericht gestellt. Mit aller Ruhe verteidigte 
er sich gegen die unwürdige Anklage. Im Bewusstsein seiner 
Unschuld verschmähte er, unter Bitten und Thränen, wie gewöhnlich 
f esch ah, um Mitleid und Begnadigung zu flehen. Das erbitterte 
ie Richter, und sie verurteilten ihn zum Tode. Sokrates verzieh 
ihnen das ungerechte Urteil und liess sich ruhig ins Gefängnis 
abführen. Dort verbrachte er noch 30 Tage. Seine Freunde 
besuchten ihn täglich und fanden bei ihm stets Worte des Trostes 
und Lehren der Weisheit Sie thaten alles, den geliebten Meister 
zu retten. Durch Geschenke gewannen sie den Gefängniswärter, 
dass er eines Abends die Kerkerthür offen liess : Sokrates sollte 
entfliehen. Aber er wies den Vorschlag zurück und sprach: ,,Man 
darf nicht Unrecht mit Unrecht vergelten. Ich habe solange 
unter den Gesetzen meines Vaterlandes gelebt und ihre Wohlthaten 
genossen; ich gehorche ihnen auch jetzt, da sie zu meinem Ver 
derben missbraucht werden.“ — ,,Äch,“ jammerte einer seiner 
Freunde, „wenn du nur nicht so unschuldig stürbest!“ — ,,Wolltest 
du denn lieber,“ erwiderte Sokrates, ,,dass ich schuldig stürbe?“ 
An seinem Todestage nahm er Abschied von seiner weinenden Frau 
und seinen Kindern und führte mit seinen Freunden die erhaben 
sten Gespräche über den Tod, der ihn von allen Erdenleiden 
befreie und seine unsterbliche Seele zu den Geistern der grossen 
Männer der Vorzeit hinübertrage. Als sich die Sonne zum Unter 
gänge neigte, erschien der Gerichtsdiener, einen Becher mit Gift 
in der Hand. ,,Sage mir doch, wie muss ich’s machen?“ fragte 
Sokrates. „Du musst,“ erwiderte der Diener, ,,nach dem Trinken 
auf- und abgehen, bis dich die Müdigkeit befällt; dann legst du dich 
nieder.“ Und mit heiterm Antlitz nahm Sokrates den Becher, 
betete und trank ihn leer. Bald fühlte er, wie das Gift zu wirken 
anfing; er legte sich nieder, seine Glieder wurden kalt und starr. 
„Bringt doch den Göttern ein Dankopfer dar!“ sprach er zuletzt 
zu seinen Freunden, noch einmal darauf hinweisend, dass er durch 
den Tod zu einem höheren Leben eingehe. Dann hüllte er sich 
in seinen Mantel und verschied. So starb der weiseste und tugend 
hafteste der Griechen. Andrä.
	        

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