Full text: V. Teil (5. Teil, 1889)

45. Die alte Waschfrau. 
1. Du siehst geschäftig bei dem Linnen 
die Alte dort im weißen Haar, 
die rüstigste der Wäscherinnen 
im sechsundsiebenzigsten Jahr. 
So hat sie stets mit saurem Schweiß 
ihr Brot in Ehr' und Zucht gegessen 
und ausgefüllt mit treuem Fleiß 
den Kreis, den Gott ihr zugemessen. 
2. Sie hat in ihren jungen Tagen 
geliebt, gehofft und sich vermählt, 
sie hat des Weibes Los getragen, 
die Sorgen haben nicht gefehlt; 
sie hat den kranken Mann gepflegt; 
sie hat drei Kinder ihm geboren; 
sie hat ihn in das Grab gelegt 
und Glaub'und Hoffnung nicht verloren. 
3. Da galt's, die Kinder zu ernähren; 
sie griff es an mit heiterm Mut, 
sie zog sie auf in Zucht und Ehren, 
der Fleiß, die Ordnung sind ihr Gut. 
Zu suchen ihren Unterhalt, 
entließ sie segnend ihre Lieben, 
so stand sie nun allein und alt; 
ihr war ihr heitrer Mut geblieben. 
4. Sie hat gespart und hat gesonnen 
und Flachs gekauft und nachts gewacht, 
den Flachs zu feinem Garn gesponnen, 
das Garn dem Weber hingebracht; 
der hat's gewebt zu Leinewand; 
die Schere brauchte sie, die Nadel, 
und nähte sich mit eigner Hand 
ihr Sterbehemde sonder Tadel. 
5. Ihr Hemd, ihr Sterbehemd, sie schätzt es, 
verwahrt's im Schrein am Ehrenplatz, 
es ist ihr Erstes und ihr Letztes, 
ihr Kleinod, ihr ersparter Schatz. 
Sie legt es an, des Herren Wort 
am Sonntag früh sich einzuprägen, 
dann legt sie's wohlgefällig fort, 
bis sie darin zur Ruh' sie legen. 
6. Und ich an meinem Abend wollte, 
ich hätte, diesem Weibe gleich, 
erfüllt, was ich erfüllen sollte 
in meinen Grenzen und Bereich; 
ich wollt', ich hätte so gewußt, 
am Kelch des Lebens mich zu laben, 
und könnt' am Ende gleiche Lust 
an meinem Sterbehemde haben. 
Chamisso. 
46. Kannitverstan. 
Der Mensch hat wohl täglich Gelegenheit, Betrachtungen über den 
Unbestand aller irdischen Dinge anzustellen, wenn er will, und zufrieden 
zu werden mit seinem Schicksale, wenn auch nicht viel gebratene Tauben 
für ihn in der Luft herumfliegen. Aber auf dem seltsamsten Umweg 
kam ein deutscher Handwerksbnrsche in Amsterdam durch den Irrtum zur 
Wahrheit und zu ihrer Erkenntnis. Denn als er in diese große und 
reiche Handelsstadt voll prächtiger Häuser, wogender Schiffe und ge 
schäftiger Menschen gekommen war, fiel ihm sogleich ein großes und 
schönes Haus in die Augen, wie er auf seiner ganzen Wanderschaft von 
Tuttlingen bis nach Amsterdam noch keins erlebt hatte. Lange betrachtete 
er mit Verwunderung dieses kostbare Gebäude, die sechs Kamine auf dem 
Dach, die schönen Gesimse und die hohen Fenster, größer als an des 
Vaters Hans daheim die Thür. Endlich konnte er sich nicht länger ent 
halten, einen Vorübergehenden anzureden. „Guter Freund," redete er ihn 
an, „könnt ihr mir nicht sagen, wie der Herr heißt, dem dies wunder 
schöne Hans gehört mit den Fenstern voll Tnlipanen, Sternenblumen und 
Levkojen?" — Der Mann aber, der vermutlich etwas Wichtigeres zu thun 
hatte und zum Unglück gerade soviel von der deutschen Sprache verstand, 
als der Fragende von der holländischen, nämlich nichts, sagte kurz und 
schnanzig: „Kannitverstan!" und schnurrte vorüber. Dies war nun ein hollän
	        

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