Full text: V. Teil (5. Teil, 1889)

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L. 
L. 
„O Sohn, der Feind ist riesenstark, 
ihm hielt noch keiner Stand. 
Und doch, in dir ist edles Mark, 
ich fühl's am Druck der Hand 
Nimm hier die alte Klinge! 
Sie ist der Skalden Preis. 
Und fällst du, so verschlinge 
die Flut mich armen Greis!" 
Und horch! Es schäumet und es rauscht 
der Nachen übers Meer. 
Der blinde König steht und lauscht, 
und alles schweigt umher, 
bis drüben sich erhoben 
der Schild' und Schwerter Schall 
und Kampfgeschrei und Toben 
und dumpfer Widerhall. 
7. Da ruft der Greis so freudig bang: 
„Sagt an, was ihr erschaut! 
MeinSchwert, ich kenn's am guten Klang, 
es gab so scharfen Laut." — 
..Der Räuber ist gefallen, 
er hat den blut'gen Lohn, 
Heil dir, du Held vor allen, 
du starker Königssohn!" 
8. lind wieder ward es still umher, 
der König steht und lauscht: 
„Was hör' ich kommen übers Meer? 
es rudert und es rauscht." — 
„Sie kommen angefahren, 
dein Sohn mit Schwert und Schild, 
in sonnenhellen Haaren 
dein Töchterlein Gunild'." — 
9. „Willkommen!" ruft vom hohen Stein 
der blinde Greis hinab; 
„nun wird mein Alter wonnig sein 
und ehrenvoll mein Grab. 
Du legst mir, Sohn, zur Seite 
das Schwert von gutem Klang, 
Gunilde, du Befreite, 
singst mir den Grabgesang." 
34. Brüderliche Liehe. 
Uhland. 
Durch schwere Erfahrungen von der Unzuverlässigkeit und 
■dem bösen Sinne der Menschen war Kaiser Albrecht dahin gebracht, 
dass er die Menschen hasste, düster und in sich gekehrt in seiner 
Hofburg zu Wien sich einschloss und niemanden vor sich lassen 
wollte. Nur ein grosser Hund, Packan geheissen, war ihm wegen 
seiner Treue lieb geblieben, und er sagte es denen, mit welchen 
er durchaus umgehen musste, offen, dass ihm die Anhänglichkeit 
dieses Tieres allein aufrichtig erscheine. Es war, als ob der Hund 
diesen Vorzug anerkenne. Vor dem Zimmer des Kaisers gelagert, 
liess er keinen Fremden in dasselbe hinein, und wer es dennoch 
wagen wollte, den knurrte er grimmig an und wies ihm die scharfen 
Zähne, vor denen jeder gern zurückwich. 
Eines Tages kam auch der Herzog Leopold, der Sohn des 
Kaisers, seinen Vater zu besuchen. Da trat ihm Packan, der ihn 
kannte, liebkosend entgegen, wedelte mit dem Schwänze und gab 
seine Freude auf mancherlei Weise kund. Herzog Leopold freute 
sich darüber und schmeichelte ihm wieder. Dennoch gab es der 
Hund nicht zu, dass der Herzog sich dem Zimmer nahte, und 
hielt ihn, fest an seinem Wamse mit den Zähnen gepackt, zurück. 
Der Herzog, ein junger, starker Mann, wehrt ihn ab und will mit 
Gewalt zu der Thüre; da fährt, alles vergessend, der Hund empor
	        
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