Full text: V. Teil (5. Teil, 1889)

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1. Aus des Meeres tiefem, tiefem Grunde 
klingen Abendglocken dumpf und matt, 
uns zu geben wunderbare Kunde 
von der schönen, alten Wunderstadt. 
2. In der Fluten Schoß hinab gesunken^ 
blieben unten ihre Trümmer stehn. 
Ihre Zinnen lassen goldne Funken 
widerscheinend auf dem Spiegel sehn. 
3. Und der Schiffer, der den Zauberschimmer 
einmal sah im Hellen Abendrot, 
nach derselben Stelle schifft er immer, 
ob auch rings umher die Klippe droht. 
1. Hast du das Schloss gesehen, 
das hohe Schloss am Meer? 
Golden und rosig wehen 
die Wolken drüber her. 
2. Es möchte sich niederneigen 
in die spiegelklare Flut; 
es möchte streben und steigen 
in der Abendwolken Glut. 
3. „Wohl hab’ ich es gesehen, 
das hohe Schloss am Meer, 
und den Mond darüber stehen 
und Nebel weit umher.“ 
4. Der Wind und des Meeres Wallen, 
gaben sie frischen Klang ? 
Vernahmst du aus hohen Hallen 
Saiten und Festgesang? 
Die Winde, die Wogen alle 
lagen in tiefer Ruh’; 
einem Klagelied aus der Halle 
hört’ ich mit Thränen zu.“ 
6. Sahest du oben gehen 
den König und sein Gemahl? 
Der roten Mäntel Wehen, 
der goldnen Kronen Strahl ? 
7. Führten sie nicht mit Wonne 
eine schöne Jungfrau dar, 
herrlich wie eine Sonne, 
strahlend im goldnen Haar? 
8. „Wohl sah ich die Eltern beide, 
ohne der Kronen Licht, 
im schwarzen Trauerkleide; 
die Jungfrau sah ich nicht.“ 
Uhland. 
31. Das Schloss am Meer. 
5. 
32. Das Meer. 
1. Seefahrten. 
Wer auf einem Schiffe den Hafen einer Seestadt verläßt und 
ins Meer steuert, der sieht zwar zu Anfang noch die Küste mit ihren 
Bäumen, Häusern und Kirchtürmen, aber gar bald ändert sich der An 
blick sehr. Das Land mit all seinen Städten und Dörfern, mit all seinen 
Wäldern und Bergen sieht nur noch aus wie ein grauer Nebel oder wie 
eine blaue Wolke. Zuletzt verschwindet es ganz, und man erblickt nun, 
so weit das Auge reicht, nichts als Himmel und Wasser. Der Schiffer 
nennt das die offene See. 
Das dunkelblaue Meer ist nicht bloß so weit, daß man sein Ende 
nicht sehen kann, sondern es ist auch so tief, daß man an vielen Stellen 
noch gar keinen Grund gefunden hat. An andern Stellen, wo man die 
Tiefe des Meeres gemessen hat, könnte man die höchsten Türme zehnmal 
aufeinander setzen, und doch würden sie nicht viel über das Wasser 
hervorragen. 
Nimmt man Meerwasser in den Mund, so schmeckt es salzig und
	        

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