Full text: V. Teil (5. Teil, 1889)

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14. Morqenlred. 
1. Verschwunden ist die finstre Nacht, 
die Lerche schlägt, der Tag erwacht, 
die Sonne kommt mit Prangen 
am Himmel aufgegangen. 
Sie scheint in Königs Prunkgemach, 
sie scheinet durch des Bettlers Dach, 
und was in Nacht verborgen war, 
das macht sie kund und offenbar. 
2. Lob sei dem Herrn und Dank gebracht, 
der über diesem Haus gewacht, 
mit seinen heil'gen Scharen 
uns gnädig wollt' bewahren. 
Wohl mancher schloß die Augen schwer 
und öffnet sie dem Licht nicht mehr; 
drum freue sich, wer neu belebt, 
den frischen Blick zur Sonn' erhebt! 
Schiller. 
15. Du sollst den Feiertag heiligen. 
Ein ehrlicher Grobschmiedegesell kam auf seiner Wanderschaft 
in eine Werkstatt, wo es recht tapfer herging mit Hämmern und 
Feilen bis zum Abend, und das war ihm eben recht; denn er 
arbeitete gern. Als aber der Sonntag kam und das Hämmern 
nicht aufhörte und keine andere Orgel zu hören war als der Blase 
balg, war es ihm nicht ganz recht; denn er wäre gern in die 
Kirche gegangen, ein geistliches Lied mitzusingen. Aber der 
Meister wollte aus seinem Eisen alle Taschen voll Gold schmieden 
und dachte: „Warum soll mein Handwerk bloss am Sonntage 
keinen goldenen Boden haben?“ 
Eine Weile hat sich’s der Gesell eben gefallen gelassen, weil 
er dem Meister nicht wollte zuwider sein. Allein ohne den Sonn 
tag schmeckte ihm das Leben wie eine Wassersuppe, in der kein 
Salz ist. Also fasst er sich ein Herz, geht zum Meister ins Haus 
und sagt: „Meister, ich kann ohne Gottes Wort nicht länger be 
stehen, und wenn ich mich den Sonntag in der Werkstatt abarbeite, 
bin ich die Woche nur ein halber Mensch; darum seid so gut 
und gebt mir den Sonntag meine Freiheit.“ Der Meister sagt: 
„Nein, das geht nicht an; denn du hast die Aufsicht in der Werk 
statt, und ausserdem, wenn einer fortginge, könnten sie alle fort 
gehen, und dann stände das Geschäft still.“ — „Aber ohne Gottes 
Wort verkomm’ ich,“ sagte der Gesell, „und es geht einmal nicht 
mehr. Ihr wisst, faul bin ich nicht, und euren Schaden will ich 
auch nicht; aber was nicht geht, das geht nicht. Und wofür bin 
ich ein Christ, wenn ich keinen Sonntag habe?“ 
Dem Meister kam das wunderlich vor, und er hatte schon ein 
Wort von Narrenpossen und dergleichen auf der Zunge. Wie 
er aber dem ehrlichen Gesellen ins Gesicht sah, besann er sich 
und sagte: „Nun, meinethalben geh in die Kirche, soviel du 
willst; aber eines bedinge ich mir aus: wenn viel zu thun ist, 
musst du auch am Sonntage auf dem Platze sein.“ Wer war 
froher als unser Gesell! Am nächsten Sonntage zieht er seinen 
blauen Kock an, nimmt das Gesangbuch unter den Arm und geht 
in die Kirche. Solch einen schönen Tag hatte er lange nicht 
gehabt; ihn hat die Predigt und der Gesang ganz aufgeweckt, 
und unser Grobschmied war so munter wie ein Vogel. Nun ver
	        

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