Full text: V. Teil (5. Teil, 1889)

176 
hinauf; aber sie sind nicht zn bewegen und schauen mit Angst 
und Bangen von dem Bergesrande auf die preussischen Scharen. 
Was nun beginnen? Gewalt wollte man gegen diese armen, be 
logenen und betrogenen Leute nicht gebrauchen. Da befiehlt 
der preussische Oberst, dass sich die Regimentsnmsik aufstellen 
solle, und auf seinen Befehl blasen die wackern Musiker, dass es 
in der Ferne wiederhallt, zuerst: „Eine feste Burg ist unser 
Gott,“ dann: „Was Gott thut, das ist wohlgethan,“ und: „Jesus 
meine Zuversicht.“ Voll und immer voller ward der Gesang der 
preussischen Männer, und droben wich das Entsetzen vor dem 
zurückkehrenden Vertrauen. Näher und immer näher kamen die 
geflüchteten Dorfbewohner, und ob sie wohl auch nicht gleich 
mögen mitgesungen haben, so sagten sie sich doch alsbald: Leute, 
die unsere Choräle singen und blasen und mit solchem Gesang 
zu uns kommen, werden uns nichts Übles thun. Bald waren die 
guten Elsässer wieder in ihren Häusern und lernten ihre 
preussische Einquartierung bei der täglichen Arbeit, bei der Pflege 
ihrer Kinder, im traulichen Umgänge von ganz anderer Seite 
kennen, als man sie ihnen vor dem Ausbruche des Krieges ge 
schildert hatte. 
Ein solcher Sieg gehört zu den grössten Triumphen, und wir 
hoffen, dass unsere deutschen Kirchenlieder zwischen Deutschland 
und dem wiedergefundenen Elsafs ein recht inniges Band der 
wahren, göttlichen Liebe schlingen werden. Lauxmann. 
177 Die Trompete von Bionville. 
1. Sie haben Tod und Verderben gespie'n: Wir haben es nicht gelitten. 
Zwei Kolonnen Fußvolk, zwei Batterie'», wir haben sie niedergeritten. 
2. Die Säbel geschwungen, die Zäume verhängt, tief die Lanzen und 
hoch die Fahnen, so haben wir sie zusammengesprengt — Kürassiere wir 
und Ulanen. 
3. Doch ein Blutritt war es, ein Todesritt; wohl wichen sie unsern 
Hieben, doch von zwei Regimentern, was ritt und was stritt, unser zweiter 
Mann ist geblieben. , 
4. Die Brust durchschossen, die Stirn zerklafft, so lagen sie bleich auf 
dem Rasen, in der Kraft, in der Jugend dahingerafft. — Nun, Trom 
peter, zum Sammeln geblasen! 
5. Und er nahm die Trompet', und er hauä)te hinein — da — die 
mutig mit schmetterndem Grimme uns geführt in den herrlichen Kampf 
hinein — der Trompete versagte die Stimme. 
6. Nur ein klangloses Wimmern, ein Schrei voll Schmerz entquoll 
dem metallenen Munde; eine Kugel hatte durchlöchert ihr Herz — um 
die Toten klagte die Wunde! 
7. Um die Tapfern, die Treuen, die Wacht am Rhein, um die Brüder, 
die heut gefallen — um sie alle, es ging uns durch Mark und Bein, 
erhub sie gebrochenes Lallen. 
8. Und nun kam die Nacht, und wir ritten hintan, rundum die Wacht 
feuer lohten; die Rosse schnoben, der Regen rann — und wir dachten der 
Toten, der Toten. Freiligrath.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.