Full text: V. Teil (5. Teil, 1889)

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wollen Sie gerade das geringste wählen, das mir nocb dazu wegen einer 
andern Ursache wert ist? Nehmen Sie doch lieber dieses hier oder senes 
dort." Der Offizier gab darauf kein Gehör, schien auch darauf nicht zu 
merken, daß sein Hauswirt immer mehr und mehr in Angst geriet, sondern 
nahm geradezu das Gemälde herunter Jetzt erschien an der Mauer, wo 
dasselbe gewesen war, ein großer, feuchter Fleck. „Was soll das sein?" 
sprach der Offizier wie erzürnt zu seinem todblassen Wirte, that einen 
Stoß, und auf einmal fielen ein paar frischgemauerte und übertünchte 
Backsteine zusammen, hinter welchen alles Geld, Gold und Silber des 
Edelmannes eingemauert war. Der gute Mann hielt nun sein Eigentum 
für verloren, wenigstens erwartete er, daß der feindliche Kriegsmann 
eine namhafte Teilung ohne Inventarium und ohne Commissarius vor 
nehmen werde, ergab sich geduldig darein und verlangte nur von ihm zu 
erfahren, woher er habe wissen können, daß hinter diesem Gemälde sein 
Geld in der Mauer verborgen war. Der Offizier erwiderte: „Ich werde 
den Entdecker sogleich holen lassen, dem ich ohnehin eine Belohnung 
schuldig bin," und in kurzer Zeit brachte sein Bedienter — sollte man's 
glauben — den Maurermeister selber, den nämlichen, der die Vertiefung 
in der Mauer zugemauert und die Bezahlung erhalten hatte. 
Das ist nun einer von den größten Spitzbubenstreichen, die der Satan 
auf sein Sündenregister setzen kann. Denn ein Handwerksmann ist seinen 
Kunden die größte Treue und in den Geheimnissen, wenn es nichts Un 
rechtes ist, soviel Verschwiegenheit schuldig, als wenn er einen Eid darauf 
gethan hätte. 
Aber was rhut man nicht um des Geldes willen! Oft gerade das 
nämliche, was man um der Schläge oder um des Zuchthauses willen 
thut, oder für den Galgen, obgleich ein großer Unterschied dazwischen ist. 
So etwas erfuhr unser Meister Spitzbub. Denn der brave Offizier ließ 
ihn jetzt vor die Stnbe führen und ihm von frischer Hand 100, sage 
hundert Prügel bar auszahlen, lauter gute Valuta, und war kein einziger 
falsch darunter. Dem Edelmann aber gab er unbetastet sein Eigentum 
zurück. — Das wollen wir beides gut heißen und wünschen, daß jedem, 
der Einquartierung haben muß, ein so rechtschaffener Gast und jedem 
Verräter eine solche Belohnung zu teil werden möge. Hebel. 
164. Die Schlacht bei Leipzig am 16. und 18. Oktober 1813. 
Um Leipzig waren alle Krieger versammelt. Napoleon hatte eine 
Streitmacht von 180000 Mann mit 600 Kanonen, die Verbiindeten 
250000 Mann mit 1000 Kanonen. Am 16. Oktober begann der An 
griff mit einem gewaltigen Feuer, daß die Erde erbebte, und selbst die 
ältesten Krieger bekannten, ein solches Krachen noch nie gehört zu haben. 
Die Bundestruppen griffen mutig an, so daß die Schlachtlinie der Fran 
zosen weichen mußte. Aber Napoleon führte eine auserlesene Schar seinen. 
Feinden kühn entgegen und stellte die Schlachtlinie wieder her; ja der 
Sieg neigte sich auf seine Seite. Sogleich ließ er in Leipzig mit allen 
Glocken läuten; aber er hatte zu früh läuten lassen. Schwarzenberg, der 
Oberbefehlshaber der Verbündeten, bemerkte von einem Turme die Ge 
fahr, er leitete die ganze Schlacht, sandte Hilsstruppen, und die durch-
	        

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