Full text: V. Teil (5. Teil, 1889)

sagen wir sie dem alten Vater, und dieser nimmt sie mit in sein Gebet. 
Da wissen wir unsere Sorge gut aufgehoben, und deshalb können wir 
auch in unserer Armut zufrieden und glücklich sein." 
Das ist eine Probe davon, was es heißt, die Eltern 
lieb und wert haben. Möller. 
8. Kindes Dank und Undank. 
Man findet gar oft, wenn man ein wenig aufmerksam ist, 
dass Menschen im Alter von ihren Kindern wieder ebenso be 
handelt werden, wie sie einst ihre alten und kraftlosen Eltern 
behandelt haben. Es geht auch begreiflich zu. Die Kinder lernen’s 
von den Eltern; sie sehen’s und hÖren’s nicht anders und folgen 
dem Beispiele. So wird es auf dem natürlichsten und sichersten 
Wege wahr, was gesagt wird und geschrieben ist, dass der Eltern 
Segen und Fluch auf den Kindern ruhe und sie nicht verfehle. 
Man hat darüber unter andern zwei Erzählungen, von denen 
die erste Nachahmung und die zweite grosse Beherzigung verdient. 
Ein Fürst traf auf einem Spazierritt einen fleifsigen und 
frohen Landmann bei dem Ackergeschäft an und liess sich mit 
ihm in ein Gespräch ein. Nach einigen Fragen erfuhr er, dass 
der Acker nicht sein Eigentum sei, sondern dass er als Tagelöhner 
täglich um fünfzehn Kreuzer arbeite. Der Fürst, der für sein 
schweres Regierungsgeschäft freilich mehr Geld brauchte und zu 
verzehren hatte, konnte in der Geschwindigkeit nicht ausrechnen, 
wie es möglich sei, täglich mit 15 Kreuzern auszureichen und noch 
so frohen Mutes dabei zu sein, und verwunderte sich darüber. 
Aber der brave Mann im Zwilchrock erwiderte ihm: „Es wäre 
mir übel gefehlt, wenn ich soviel brauchte. Mir muss ein Dritteil 
davon genügen; mit einem Dritteile zahle ich meine Schulden ab, 
und das übrige Dritteil lege ich auf Kapitalien an.“ Das war 
dem guten Fürsten ein neues Rätsel. Aber der fröhliche Land 
mann fuhr fort und sagte: „Ich teile meinen Verdienst mit meinen 
alten Eltern, die nicht mehr arbeiten können, und mit meinen 
Kindern, die es erst lernen müssen; jenen vergelte ich die Liebe, 
die sie mir in meiner Kindheit erwiesen haben, und von diesen 
hoffe ich, dass sie mich einst in meinem müden Alter auch nicht 
verlassen werden.“ War das nicht artig gesagt und noch schöner 
und edler gedacht und gehandelt? Der Fürst belohnte die Recht 
schaffenheit des wackern Mannes, sorgte für seine Söhne, und der 
Segen, den ihm seine sterbenden Eltern gaben, wurde ihm im 
Alter von seinen dankbaren Kindern durch Liebe und Unter 
stützung redlich entrichtet. 
Aber ein anderer ging mit seinem Vater, welcher durch Alter 
und Kränklichkeit freilich wunderlich geworden war, so übel um, 
dass dieser wünschte, in ein Armenspital gebracht zu werden, das 
im nämlichen Orte war. Dort hoffte er, wenigstens bei dürftiger 
Pflege von den Vorwürfen frei zu werden, die ihm daheim die 
letzten Tage seines Lebens verbitterten. Das war dem undank
	        

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