Full text: V. Teil (5. Teil, 1889)

zweiten; aber keiner wollte kommen; denn in Wien kostet ein 
Gang zu einem Patienten einen Gulden, und der arme Knabe batte 
nichts als Thränen, die wohl im Himmel für gute Münze gelten, 
aber nicht bei allen Leuten auf der Erde. Als er aber zum 
dritten Doktor auf dem Wege war, oder heim, fuhr langsam der 
Kaiser in einer offenen Kutsche an ihm vorbei. Der Knabe hielt 
ihn wohl für einen reichen Herrn, ob er gleich nicht wusste, dass 
es der Kaiser war, und dachte: Ich will’s versuchen. „Gnädiger 
Herr,“ sagte er, „wollet Ihr mir nicht einen Gulden schenken, seid 
so barmherzig!“ Der Kaiser dachte: „Der fafst’s kurz und denkt, 
wenn ich den Gulden auf einmal bekomme, so brauch’ ich nicht 
sechzigmal um den Kreuzer zu betteln.“ — „Thut’s ein Käfperlein 
oder zwei Zwanziger nicht auch?“ fragte ihn der Kaiser. Das 
Hüblein sagte: „Nein,“ und offenbarte ihm, wozu er des Geldes 
benötigt sei. Also gab ihm der Kaiser den Gulden und liess sich 
genau von ihm beschreiben, wie seine Mutter heisse, und wo sie 
wohne; und während das Hüblein zum dritten Doktor springt und 
die kranke Frau daheim betet, der liebe Gott wolle sie doch nicht 
verlassen, fährt der Kaiser zu ihrer Wohnung und verhüllt sich 
ein wenig in seinen Mantel, also dass man ihn nicht recht er 
kennen konnte, wer ihn nicht darum ansah. Als er aber zu der 
kranken Frau in ihr Stübchen kam, und es sah recht leer und 
betrübt darin aus, meint sie, es sei der Doktor und erzählt ihm 
ihren Umstand, und wie sie noch so arm dabei sei und sich nicht 
pflegen könne. Der Kaiser sagte: „Ich will dann jetzt ein Rezept 
verschreiben,“ und sie sagte ihm, wo des Bübleins Schreibzeug sei. 
Also schrieb er das Rezept und belehrte die Frau, in welche 
Apotheke sie es schicken müsse, wenn das Kind heimkomme, und 
legte es auf den Tisch. Als er aber kaum eine Minute fort war, 
kam der rechte Doktor auch. Die Frau verwunderte sich nicht 
wenig, als sie hörte, er sei auch der Doktor, und entschuldigte 
sich, es sei schon so einer dagewesen und hab’ ihr etwas ver 
ordnet, und sie habe nur auf ihr Hüblein gewartet. Als aber der 
Doktor das Rezept in die Hand nahm und sehen wollte, wer bei 
ihr gewesen sei, und was für einen Trank oder Pillelein er ihr 
verordnet habe, erstaunte er auch nicht wenig und sagte zu ihr: 
„Frau, Ihr seid einem guten Arzt in die Hände gefallen; denn 
er hat Euch fünfundzwanzig Dublonen verordnet, beim Zahlamt 
zu erheben, und unten dran steht: Joseph, wenn Ihr ihn kennt. 
Ein solches Magenpflaster und Herzsalbe und Augentrost hätt’ ich 
Euch nicht verschreiben können.“ Da that die Frau einen Blick 
gegen den Himmel und konnte nichts sagen vor Dankbarkeit und 
Rührung, und das Geld wurde hernach richtig und ohne Anstand 
von dem Zahlamt ausbezahlt, und der Doktor verordnete ihr eine 
Mixtur, und durch die gute Arznei und durch die gute Pflege, die 
sie sich jetzt verschaffen konnte, stand sie in wenig Tagen wieder 
auf gesunden Beinen. Also hat der Doktor die kranke Frau kuriert, 
und der Kaiser die arme. 
Hebel.
	        

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