Full text: V. Teil (5. Teil, 1889)

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3. Ein Kindlein nur, des unbewusst, 
verloren in des Spieles Lust, 
fern von der sorglosen Mutter Hand, 
sass auf dem Markt am Brunnenrand. 
4. Wohl viele schauten von oben herab, 
sie schauten geöffnet des Kindleins Grab, 
sie rangen die Hände und weinten sehr 
und blickten um Hilfe rings umher. 
5. Doch keiner wagte, das eigene Leben 
um des fremden willen dahin zu geben. 
Denn schon verkündet ein nahes Gebrüll 
das Verderben, das jeglicher meiden will. 
6. Und schon mit der rollenden Augen Glut 
erlechzt der Löwe des Kindleins Blut, 
erhebt er drohend die grimmige 
Klau’ — 
o qualvoll herzzerreissende Schau! 
7. So rettet nichts das zarte Leben, 
dem grässlichsten Tode dahingegeben ? 
Da plötzlich stürzet aus jenem Haus 
mit fliegenden Haaren ein Weib heraus. 
8. „Um Gottes willen, o Weib, halt ein! 
Willst du dich selbst dem Verderben 
weihn ? 
Unglückliche Mutter, zurück den 
Schritt! 
Du kannst nicht retten, du stirbst 
nur mit! “ 
9. Doch furchtlos fällt sie den Löwen an, 
und aus dem Rachen mit scharfem Zahn 
nimmt sie das unversehrte Kind 
in ihren rettenden Arm geschwind. 
10. Der Löwe stutzt, und unverweilt 
mit dem Kinde die Mutter von dannen 
eilt. 
Da erkannte gerührt, so jung wie alt, 
des Mutterherzens Allgewalt — 
11. Und des Leuen großmütigen Sinn 
zugleich. 
Doch manche Mutter, von Schrecken 
bleich, 
sprach still: „Um des eigenen Kindes 
Leben 
hätt’ ich mich auch dahingegeben!“ 
Heruhardi. 
7. Du sollst deine Eltern lieb und wert Haben. 
Ein armer Zimmermann Hatte viele Kinder und konnte in teurer 
Zeit die Seinigen nur kümmerlich ernähren. Außerdem beherbergte und 
verpflegte er noch seinen alten, gliederlahmen Vater, den er zu sich ge 
nommen hatte in sein Haus, wie einst Joseph seinen Vater im Lande 
Gosen. 
Eines Tages ging unser Zimmermann von der Arbeit heim und 
kaufte unterwegs etwas Semmelbrot. „Das ist für meinen alten Vater," 
sagte er zu seinem Begleiter, der ein Maurer war; „er kann das harte 
und schwarze Brot nicht mehr vertragen." — Darauf sagte der Maurer: 
„Mein Gott, du hast eine schwere Last mit dem alten Mann. Wie froh 
wirst du einmal sein und deine Frau dazu, wenn ihn Gott zu sich ge 
nommen hat! Dann kannst du des Alten Ttnbe vermieten und das Geld 
für das Essen sparen. Wie es dir jetzt geht, kannst du auf keinen grünen 
Zweig kommen." 
'„Lieber Freund," entgegnete der Zimmermann, „rede nicht so. Ich 
sage dir, es lebt noch ein Bruder von mir; der hat sich schon oft er 
boten, den alten Vater zu sich zu nehmen. Aber wir lassen ihn nicht, es 
sei denn, daß Gott ihn rufe. — Wir beide, ich und meine Frau, sind 
wie singende Vögel ans grünen Zweigen, wenn wir uns an das Bett des 
Greises setzen können. Liegt irgend eine Sorge ans unserem Herzen, dann
	        

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