Full text: V. Teil (5. Teil, 1889)

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Der alte Schneider war nun mit seiner Ziege allein. Am andern 
Morgen ging er hinab in den Stall, liebkoste die Ziege und sprach: 
„Komm, mein liebes Tierlein, ich will dich selbst zur Weide führen." 
Er nahm sie am Strick und brachte sie zu grünen Hecken und unter 
Schafrippe, und was die Ziegen gerne fressen. „Da kannst du dich 
einmal nach Herzenslust sättigen," sprach er zu ihr, und ließ sie weiden 
bis zum Abend. Da fragte er: „Ziege, bist du auch satt?" Sie antwortete: 
Ich bin so satt, 
ich mag kein Blatt: mäh! mäh! 
„So komm nach Haus!" sagte der Schneider, führte sie in den Stall 
und band sie fest. Als er wegging, kehrte er sich noch einmal um und 
sagte: „Nun bist du doch einmal satt?" Aber die Ziege machte es ihm 
nicht besser und ries: 
Wie sollt' ich satt sein? 
Ick sprang nur über Gräbelein 
und fand kein einzig Blättelein: mäh! mäh! 
Als der Schneider das hörte, stutzte er und sah wohl ein, daß er 
seine drei Söhne unschuldig verstoßen hatte. „Wart," rief er, „du 
undankbares Geschöpf! Dich fortzujagen ist noch zu wenig, ich will dich 
zeichnen, daß du dich unter ehrlichen Schneidern nicht mehr darfst sehen 
lassen." In einer Hast sprang er hinauf, holte sein Bartmesser, seifte 
der Ziege den Kopf ein und schor sie so glatt wie eine flache Hand. 
Und weil die Elle zu ehrenvoll gewesen wäre, holte er die Peitsche und 
versetzte ihr solche Hiebe, daß sie in gewaltigen Sprüngen davon lief. 
Der Schneider, als er so ganz einsam in seinem Hause saß, verfiel 
in große Traurigkeit und hätte seine Söhne gerne wieder gehabt; aber 
niemand wußte, wo sie hingeraten waren. Der älteste war zu einem 
Schreiner in die Lehre gegangen. Da lernte er fleißig und unverdrossen, 
und als seine Zeit herum war, daß er wandern sollte, schenkte ihm der 
Meister ein Tischchen, das gar kein besonderes Ansehen hatte und von 
gewöhnlichem Holze war, aber es hatte eine gute Eigenschaft. Wenn man 
es hinstellte und sprach: „Tischchen, deck dich!" so war das gute Tischchen 
auf einmal mit einem saubern Tüchlein bedeckt, und da stand ein Teller 
und Messer und Gabel daneben und Schüsseln mit Gesottenem und Ge 
bratenem, soviel Platz hatten, und ein großes Glas mit rotem Wein 
leuchtete, daß einem das Herz lachte. Der junge Geselle dachte: „Damit 
hast du genug für dein Lebtag," zog guter Dinge in der Welt umher und 
bekümmerte sich gar nicht darum, ob ein Wirtshaus gut oder schlecht 
war, ob etwas darin zu finden oder nicht. Wenn es ihm einfiel, so 
kehrte er gar nicht ein, sondern im Feld, im Wald, aus einer Wiese, wo 
er Lust hatte, nahm er sein Tischchen vom Rücken, stellte es vor sich 
und sprach: „Deck dich!" so war alles da, was sein Herz begehrte. 
Endlich kam es ihm in den Sinn, er wollte zu seinem Vater zurück 
kehren, sein Zorn würde sich gelegt haben, und mit dem Tischchen „Deck 
dich" würde er ihn gern wieder aufnehmen. Es trng sich aber zu, daß er 
auf dem Heimweg abends in ein Wirtshaus kam, das mit Gästen an 
gefüllt war; sie hießen ihn willkommen und luden ihn ein, sich zu ihnen 
zu setzen und mit ihnen zu essen, smrst würde er schwerlich noch etwas 
bekommen. „Nein," antwortete der Schreiner, „die paar Bissen will ich
	        

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