Full text: V. Teil (5. Teil, 1889)

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Was holt sich der Mensch nicht alles aus dem Walde! Mit Brenn 
holz versorgen sich die anwohnenden Städte und Dörfer, Glashütten und 
Schmelzwerke. Zahllose Scheite schwimmen auf den Flüssen thalwärts, 
um entfernteren Orten zu dienen. Aus Knorren, Astwerk und Wurzel 
stöcken baut der Köhler seine Meiler auf und bietet den Hochöfen, dem 
Goldschmied, dem Blecharbeiter, der Büglerin die starkheizenden Kohlen. 
Die Harzscharrer sammeln Harz aus dem Nadelwald, andere wieder an 
der gleichen Stelle Terpentin. Diese bereiten Kienrnß, jene Teer oder 
Pech. Aus den jungen Eichenschlägen fahren ganze Wagen voll Eichen 
rinde der Lohmühle zu, die unten im Thäte pocht und lärmt. Weiter 
droben am Waldbache schnarchen die Sägen der Schneidemühle. Bretter, 
Pfosten, Latten und Balken gehen aus ihr hervor. Auf den Straßen 
ächzen die Achsen unter der Last schwerer Eichen-, Buchen-, Birken- oder 
Tannenstämme. Andere werden zu Flößen zusammengesetzt und auf dem 
Flusse weitergeschafft. Wer zählt die tausend und aber tausend Gestalten 
auf, zu welchen die verschiedenen Holzarten unter den geschickten Händen 
zahlreicher Handwerker und Künstler werden! Das Holz des Waldes 
wird Wiege, wird Bett, wird — Sarg; es wird zum Stubengerät, zum 
Pianoforte, zur Flöte, Violine und zum vielgestaltigen Spielzeug des 
Kindes. Wo du im Zimmer auch hinschaust und auf den Straßen der 
Stadt umherblickst, allenthalben grüßt dich der Wald. Denn allenthalben 
trifft dein Auge auf Holzarbeit; wird ja Holz sogar zu Papier und Pappe 
verarbeitet. 
Auch die kleineren Gewächse des Waldes sind für das Menschenleben 
nicht ohne Bedeutung. Zahllose Kinder und Frauen sammeln Erdbeeren, 
Heidelbeeren, Preißelbeeren und Himbeeren. Andere tragen die Samen 
der Waldbäume und Gräser zusammen und bringen sie zum Verkauf. 
Wieder andere suchen eßbare Pilze und Arzeneigewächse, die ihnen im 
Handel Geld einbringen. Auf den Märkten größerer Städte findet man 
Sträußchen von Primeln, Veilchen, Maiblumen und anderen beliebten 
Waldblumen feil geboten. Zu Ostern wandern die Zweige mit treibenden 
Blütenkätzchen zur Stadt, zu Pfingsten setzt sich ein ganzer Birkenwald 
in Bewegung, und zu Weihnachten wandert das Tannenbäumchen in die 
Hütte des Armen wie in den Palast des Reichen. Auch die schlanken 
Hafelzweige haben ihre Abnehmer, und das zähe Gezweig der Birke wird 
zu Reiserbesen verwendet. Der Vogelfänger bietet die gefangenen Sing 
vögel feil, auch wohl ein lustiges Eichhorn, eine Haselmaus oder ein 
drolliges Käuzchen. Der Wildbrethändler breitet des Waldes Braten 
stücke vor solchen Gutschmeckern aus, die neben dem Fleische der Haus 
tiere auch noch anderes begehren: Wildschwein und Hirsch, Reh und 
Hase, Fasan, Birkhuhn und Auerhahn. 
V. 
Wem Gott will rechte Gunst erweisen, 
den schickt er in die weite Welt, 
dem will er seine Wunder weisen 
in Berg und Thal, und Strom und Feld. 
Fürs ganze Land kann ein Bergwald zur Wohlthat werden, indem 
er die Quellen der Flüsse und Ströme schützt und die aus den Wolken
	        

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