Full text: V. Teil (5. Teil, 1889)

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Dies ging eins nach dem anderen den beiden durch die Ge 
danken. Aber unter ihnen rauschten und plätscherten die Wellen 
an den Seiten des Schiffes. Und wie sie so daran in ihrem Herzen 
gedachten, ward's ihnen inwendig heiss zum Weinen. Da stand 
der eine auf, ging an seine Kiste, schloss sie auf und nahm eine 
Bibel und ein Gesangbuch heraus und kam wieder zu seinem 
Kameraden. Und er las die Epistel und das Evangelium des- 
selbigen Sonntags vor, und darauf betete der andere den Glauben. 
Und danach schlugen sie das Gesangbuch auf und huben an mit 
lauter Stimme zu singen: „Wer nur den lieben Gott lässt walten 
und hoffet auf ihn allezeit.“ — Es waren aber noch andere Aus 
wanderer aus Deutschland mit auf dem Schiffe. Wie die das 
deutsche Kirchenlied hören mitten auf dem Meer, geht ihnen das 
Herz auf, und sie kommen herzu und stellen sich im Kreise um 
unsere beiden Bauersleute, entblöfsen ihr Haupt und singen mit: 
„Wer nur den lieben Gott lässt walten 
und hoffet auf ihn allezeit, 
den wird er wunderbar erhalten 
in aller Not und Traurigkeit.“ 
Und der Gesang kam immer kräftiger aus Herzensgrund und 
schallte weithin in die See hinaus, und das Meer rauschte darein 
wie eine Orgel. Da schwebte der Geist Gottes auf den Wassern. 
Die beiden Bauersleute aber und alle die andern, die dabei 
waren, hatten sich das Trauern aus der Seele herausgesungen, und 
es war ihnen selig zu Mute, als wären sie daheim im teuren 
Vaterlande. — Darum merke: Wenn du wandern gehst, so 
nimm deinen heiligen Glauben mit und deine Bibel und dein 
Gesangbuch; denn in diesen dreien liegen die echten Herrlich 
keiten des deutschen Vaterlandes. Wer aber ohne die auszieht, 
der kann wandern bis ans Ende der Welt und findet nimmer eine 
Heimat. (Fliegende Blätter aus dem rauhen Hause.') 
119. Der Affe. 
Unter allen Tieren steht dem Menschen körperlich der Affe am 
nächsten; ob auch geistig, muß bezweifelt werden. Denn alle edleren 
Eigenschaften, welche man bei anderen Tieren bemerkt, scheinen gerade 
dem Affen zu fehlen. Er ist zornig, tückisch, launenhaft, undankbar, frech, 
rachsüchtig und besitzt fast nicht eine Tugend, wodurch er sich dem 
Menschen wahrhaft nützlich machte. Denn die Possenreißerei und die 
Nachahmungssucht dienen höchstens zur Belustigung von Kindern. Man 
hat deshalb mit Recht gesagt, der Affe stelle den Menschen von seiner 
schlechten Seite dar. Indessen ist unter den Affen selbst wieder ein 
außerordentlicher Unterschied; denn ihre Arten sind zahlreicher als die der 
meisten anderen Tiergeschlechter. — Alt eingefangene Affen sind oft so 
unbändig, daß man sie nicht dulden mag, oder sterben vor Traurigkeit 
über den Verlust ihrer Freiheit. Die jung aufgezogenen sind anfangs 
gelehrig und sanft, bald aber kehrt ihre ursprüngliche Art zurück, so daß 
manche mit ihrem Gebiß geradezu gefährlich werden. Man hat sie
	        

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