Full text: V. Teil (5. Teil, 1889)

117 
Du lachst im Herzen über die Esel, die sich anführen ließen, wenn du 
dein Profitchen berechnest, und du wirft kecker. Sieh, dem Kruge wackelt 
schon der Henkel! Noch ein-, zwei-, dreimal — und er bricht — deine 
Spitzbüberei ist entdeckt. Schmach und Schande, schuldbelastetes Ge 
wissen — der Arm der Gerechtigkeit und seine wohlverdiente Strafe — 
sie haben dich ereilt, und der Krug ist in Scherben. Du stiehlst! — 
Alle Diebe, Räuber und Mörder haben in kleinen Dingen in der Jugend 
angefangen und an den Krug gar nicht gedacht. Es gelang, und sie 
wurden nicht entdeckt. Das war gerade ihr Unglück; denn nun ging 
immer rascher der Krug zum Brunnen. Der Dieb wuchs am Leibe und 
an Geschicklichkeit zu stehlen und an Frechheit und Sicherheit. Patsch! 
da bricht der Krug! Die Gerichte haben ihn, und das Urteil dieser 
Welt läßt nicht lange auf sich warten — das droben bleibt nicht aus. 
W. O. v. Horn. 
114. Das Ei des Kolumbus. 
Bei einem Feste, welches der Kardinal Mendoza dem Kolumbus zu 
Ehren veranstaltete, hielt er ihm eine große Lobrede wegen der von ihm 
gemachten Entdeckung. Die anwesenden Herren vom Hof nahmen es übel 
auf, daß einem Ausländer, noch dazu einem Manne, der nicht einmal 
von adeliger Herkunft sei, so große Auszeichnung zu teil wurde. „Mich 
dünkt," hub einer der königlichen Kammerherren an, „der Weg nach der 
sogenannten neuen Welt war nicht so schwer zu finden; das Weltmeer- 
stand überall offen, und kein spanischer Seefahrer würde den Weg ver 
fehlt haben." Mit vornehmem Gelächter gab die Gesellschaft dieser 
Äußerung ihren Beifall zu erkennen, und mehrere Stimmen riefen: „O, 
das hätte ein jeder von uns gekonnt!" 
„Ich bin weit davon entfernt," entgegnete Kolumbus, „mir etwas 
als Ruhm anzumaßen, was ich nur einer gnädigen Fügung des Himmels 
zuschreiben darf; indessen kommt es doch bei vielen Dingen in der Welt, 
welche uns leicht auszuführen scheinen, oft nur darauf an, daß sie ein 
anderer uns vormacht. Dürft' ich," fuhr Kolumbus zu jenem Kammer 
herrn gewendet fort, „Sie wohl ersuchen, dies Ei" — er hatte sich von einem 
Diener ein Hühnerei bringen lassen — „so auf die Spitze zu stellen, daß 
es nicht umfällt?" Der Kammerherr versuchte von der einen wie von 
der andern Seite vergeblich, das Ei zum Stehen zu bringen. Der Nach 
bar bat es sich aus, es wollte ihm ebensowenig gelingen. Nun drängten 
sich die andern hinzu, ein jeder wollte den Preis gewinnen; allein weder 
mit Eifer noch mit Ruhe war es möglich, das Kunststück auszuführen. 
„Es ist unmöglich," riefen die Herren, „Ihr verlangt etwas Unausführ 
bares!" — „Und doch," sagte Kolumbus, „werden diese Herren sogleich 
sagen: Das kann jeder von uns auch!" Jetzt nahm er das Ei und setzte 
es mit einem leichten Schlage auf den Tisch, so daß es auf der einge 
drückten Schale stand. Da riefen jene: „Das hätte jeder von uns 
gekonnt." — „Gailz recht," erwiderte Kolumbus, „aber das ist gerade der 
Unterschied, daß sie es hätten thun können, und daß ich es gethan 
habe." Förster.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.