Full text: V. Teil (5. Teil, 1889)

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war, nicht nur mit einem schwachen Menschen, sondern mit einer 
grossen, volkreichen Stadt. Der damalige König des Landes setzte 
sogleich ein namhaftes Geschenk auf jeden Menschen, der noch 
lebendig gerettet werden könnte. Auch die Toten, die man aus 
dem Schutt hervorgrub, wurden auf das .Rathaus gebracht, damit 
sie von den Ihrigen zu einem ehrlichen Begräbnis konnten abgeholt 
werden. Viel Hilfe wurde geleistet. Obgleich Krieg zwischen 
England und Holland war, so kamen doch von London ganze 
Schiffe voll Hilfsmittel und grosse Geldsummen für die Unglück 
lichen, und das ist schön; denn der Krieg soll nie ins Herz der 
Menschen kommen. Es ist schlimm genug, wenn er aussen vor 
allen Thoren und allen Seehäfen donnert. Hebel. 
106. Eine Hand wäscht die andere. 
So sagt man wohl, wenn ein Schelm dem andern durchhilft, und mancher 
unehrliche Mensch sagt's einem andern, dem er einen kleinen Gefallen 
gethan hat. — Pfui, so meint's das Sprichwort nicht. Denkt einmal 
nach. Wenn ihr euch die Hände waschet, so wird, wenn ihr auch die 
eine nach allen Ecken im Wasser herumschlenkert, sie dennoch nicht rein; 
die andere muß wischen und waschen, streichen und kneten helfen, dann 
geht's. Was lehrt euch das? — Nun, einer, der allein steht, ohne den 
treuen Beistand seiner Nachbarn und Freunde, bringt nichts fertig. Wenn 
aber diese sagen: „Wart, Nachbar, ich komme und helfe," dann wäscht 
eine Hand die andere. Wenn nun aber der Nachbar deiner Hilfe be 
darf? Ei nun, daun muß wieder deine Hand der seinen waschen helfen, 
und es geht rein und herrlich ab. Verstanden? Der liebe Gott will, daß 
wir einander unterstützen und einander helfen und dienen sollen mit der 
Gabe, die wir empfangen haben. So soll eine Hand die andere waschen. 
W. O. v. Horn. 
107. Die Kuh. 
4. Wie Kindlein, welche der nährenden 
Brust 
der Mutter sich sollen entwöhnen, 
so klagte sie abends und nachts den 
Verlust 
und löschte ihr Lämpchen mit Thränen. 
5. Sie sank auf ihr ärmliches Lager dahin 
in hoffnungslosem Verzagen, 
verwirrt und zerrüttet an jeglichemSinn, 
an jeglichem Gliede zerschlagen. 
6. Doch stärkte kein Schlaf sie von abends 
bis früh; 
schwer abgemüdet im Schwalle 
von ängstlichen Träumen, erschütterten 
sie 
die Schläge der Glockenuhr alle. 
1. Frau Magdalis weint' auf ihr letztes 
Stück Brot, 
sie konnt' es vor Kummer nicht essen. 
Ach, Witwen bekümmert oft größere Not, 
als glückliche Menschen ermessen. 
2. „Wie tief ich auf immer geschlagen 
nun bin! 
Was hab' ich, bist du erst verzehret?" 
Denn, Jammer! ihr eins und ihr alles 
war hin, 
die Kuh, die bisher sie ernähret. — 
3. Heim kamen mit lieblichemSchellengetön 
die andern, gesättigt in Fülle; 
vor Magdalis'Pforte blieb keine mehr 
stehn 
und rief ihr mit sanftem Gebrülle.
	        

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