Full text: V. Teil (5. Teil, 1889)

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den flüchtigen Gemsbock zu jagen; 
ihm folgte der Knapp' mit dem Jäger- 
geschoß; 
und als er auf seinem stattlichen Roß 
in eine Au' kommt geritten, 
ein Glöcklein hört er erklingen fern — 
ein Priester war's mit dem Leib des 
Herrn, 
voran kam der Mesner geschritten. 
7. Und der Graf zur Erde sich neiget hin, 
das Haupt mit Demut entblößet, 
zu verehren mit gläubigem Christen 
sinn, 
was alle Menschen erlöset. 
Ein Bächlein aber rauschte durchs Feld, 
von des Gießbachs reißenden Fluten 
geschwellt, 
das hemmte der Wanderer Tritte; 
und beiseit' legt jener das Sakrament, 
von den Füßen zieht er die Schuhe 
behend, 
damit er das Bächlein durchschritte. 
8. Was schaffst du? redet der Graf ihn 
an, 
der ihn verwundert betrachtet. 
Herr, ich walle zu einem sterbenden 
Mann, 
der nach der Himmelskost schmachtet; 
und da ich niich nahe des Baches 
Steg, 
da hat ihn der strömende Gießbach 
hinweg 
im Strudel der Wellen gerissen. 
Drum, daß dem Lechzenden werde sein 
Heil, 
so will ich das Wässerlein jetzt in 
Eil' 
durchwaten mit nackenden Füßen. 
9. Da setzt ihn der Graf auf sein ritter 
lich Pferd 
und reicht ihm die prächtigen Zäume, 
daß er labe den Kranken, der sein be 
gehrt, 
und die heilige Pflicht nicht versäume. 
Und er selber auf seines Knappen Tier 
vergnüget noch weiter des Jagens 
Begier, 
der andre die Reise vollführet. 
Und am nächsten Morgen mit danken 
dem Blick 
da bringt er dem Grasen sein Roß 
zurück, 
bescheiden am Zügel geführet. 
10. Richt wolle das Gott, rief mit Demut 
sinn 
der Graf, daß zum Streiten und 
Jagen 
das Roß ich beschritte fürderhin, 
das meinen Schöpfer getragen! 
Und magst du's nicht haben zu eignem 
Gewinst, 
so bleib' es gewidmet dem göttlichen 
Dienst! 
Denn ich hab' es dem ja gegeben, 
von dem ich Ehre und irdisches Gut 
zu Lehen trage und Leib und Blut, 
und Seele und Atem und Leben. 
11. So mög' auch Gott, der allmächtige 
Hort, 
der das Flehen der Schwachen erhöret, 
zu Ehren euch bringen hier und dort, 
so wie ihr jetzt ihn geehret. 
Ihr seid ein mächtiger Graf, bekannt 
durch ritterlich Walten im Schweizer 
land, 
euch blühen sechs liebliche Töchter. 
So mögen sie. rief er begeistert aus, 
sechs Kronen euch bringen in euer 
Haus 
und glänzen die spät'sten Geschlechter!^ 
12. Und mit sinnendem Haupt saß der 
Kaiser da, 
als dächt' er vergangener Zeiten; 
jetzt, da er dem Sänger ins Auge sah, 
da ergreift ihn der Worte Bedeuten. 
Die Züge des Priesters erkennt er 
schnell 
und verbirgt der Thränen stürzenden 
Quell 
in des Mantels purpurnen Falten. 
Und alles blickte den Kaiser an 
und erkannte den Grafen, der das 
gethan, 
und verehrte das göttliche Walten. 
Schiller.
	        

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