Full text: V. Teil (5. Teil, 1889)

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Aussicht fesselt das Auge; und doch kehrt dasselbe stets wieder in sinnender 
Betrachtung zu den anspruchslosen Trümmern der alten Burg zurück; denn 
es ist die Habsburg, das Stammschloß eines der trefflichsten Fürsten 
der deutschen Nation, Rudolfs von Habsbnrg. 
Vor mehr denn 500 Jahren, als Graf Rudolf jene Burg be 
wohnte, da waren in unserm deutschen Vaterlande gar böse Zeiten. Mord 
wurde auf offener Straße verübt; vorüberziehende Wanderer wurden be 
raubt, blühende Dörfer und Städte von bösen Buben und Herren, die 
von ihren Schlössern herabfielen, eingeäschert; und kein Richter war zu 
finden, der solchen Greueln gewehrt hätte. Ein jeder suchte daher, sich 
selbst zu helfen; und die Rache war oft noch schrecklicher als das verübte 
Verbrechen selbst. Diese böse Zeit, in der nicht das Recht, sondern Gewalt 
obsiegte, nennt man auch die Zeit des Fan st rechts. 
Solchem Zustande wünschten die deutschen Fürsten ein Ende gesetzt; 
in Rudolf glaubte man gerade den Mann zu erkennen, dessen das Reich 
bedürfe; und man hatte sich nicht geirrt. Man erwählte ihn zum deutschen 
Kaiser. Rudolf wurde der Wohlthäter seines Volks. Er war es, der der 
Zeit des Fanstrechts ein Ende machte und in, einem Monat sechs und 
sechzig solcher Ranbschlösser zerstörte, deren Überbleibsel ihr wohl selbst 
schon auf euern Bergen bestiegen habt. 
Ein zu Rudolfs Zeit lebender Geschichtsschreiber rühmt von ihm: 
„Er verbreitet Furcht und Schrecken über die ungerechten Großen und 
Freude unter dem Volk. Der Landmann nimmt wieder den Pflug zur 
Hand, der lange Zeit ungenützt im Winkel lag. Der Kaufmann, der aus 
Furcht vor Räubern zu Hause blieb, durchreist jetzt das Land mit größter 
Sicherheit; und die Räuber und Bösewichter, die vorher ungeschent herum - 
schwärmten, suchen sich in wüsten Gegenden zu verbergen." — Rudolf 
hielt so sehr auf Treue und Manneswort, daß es sprichwörtlich geworden, 
und man von einem, der sein Wort brach, noch lange zu sagen pflegte: 
„Der hat Rudolfs Redlichkeit nicht." 
Rudolf war auch ein Freund von gutmütigem Scherz, und mancher 
heitere Vorfall wird uns aus seinem Leben erzählt. 
Einst fuhr Rudolf auf einer nicht sehr breiten Heerstraße. Ein 
drolliger Bauer auf einem Karren begegnete ihm. Diesem befahl des 
Kaisers Kutscher auszuweichen. Der Bauer, der sich nach seiner Art mit 
dem Kutscher ein Späßchen machen wollte, brummte ihm halblaut zu: 
„Wo soll ich denn hin? Des Kaisers lange Nase nimmt ja die ganze 
Straße ein." — „Was sagt der Kerl?" fragte Rudolf. Es mußte ihm 
wieder gesagt werden. Alle Begleiter waren begierig, was dem Bauer 
geschehen würde, der nun selbst in Todesängsten war; aber Rudolf legte 
ernsthaft den Zeigefinger an seine wirklich große Nase, schob sie weit 
herum und fragte den Bauer mit abgewendetem Gesichte: „Hast du nun 
Platz?" — 
Drei Jahre vor seinem Tode lag er einmal in einem Feldlager vor 
Mainz, als eine plötzliche Kälte eintrat, die den: alten siebenzigjährigen 
Manne sehr empfindlich war. Er geht ganz allein in die Stadt und 
sieht in einem Bäckerhanse einen Haufen Glut, die der Bäcker eben aus 
dem Ofen gezogen hatte. In der Absicht, sich daran zu erwärmen, tritt 
er treuherzig ein; aber die Bäckerfrau fährt ihn mit harten Worten an
	        

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