Full text: V. Teil (5. Teil, 1889)

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Hause ?“ — „Kein fremder,“ antwortete man ihm, „denn er ist unsrer 
gnädigen Frau verlobt und bekommt beute das Braunschweiger 
Land.“ — „So bitte ich,“ sagte der Herzog, „die Braut um einen 
Trunk Weins, mein Herz ist mir ganz matt.“ Da lief einer von 
den Leuten hinauf zu der Fürstin und hinterbrachte, dass ein 
fremder Gast, dem ein Löwe mitfolge., um einen Trunk Wein bitten 
lasse. Die Herzogin verwunderte sich, füllte ihm ein Geschirr 
mit Wein und sandte es dem Pilgrim. „Wer magst du wohl sein,“ 
sprach der Diener, „dass du von diesem edlen Wein zu trinken be 
gehrst, den man allein der Herzogin einschenkt?“ Der Pilgrim 
trank, nahm seinen goldnen Ring und warf ihn in den Becher und 
hiess diesen der Braut zurücktragen. Als sie den Ring erblickte, 
worauf des Herzogs Schild und Name geschnitten war, erbleichte 
sie, stund eilends auf und trat an die Zinne, um nach dem Fremd 
ling zu schauen. Sie ward des Herrn inne, der da mit dem 
Löwen safs; darauf liess sie ihn in den Saal entbieten und fragen, 
wie er zu dem Ring gekommen wäre, und warum er ihn in den 
Becher gelegt hätte. „Von keinem hab’ ich ihn bekommen, sondern 
ihn selbst genommen, es sind nun länger als sieben Jahre; und 
den Ring hab’ ich hingelegt, wo er billig hingehört.“ Als man 
der Herzogin diese Antwort hinterbrachte, schaute sie den Fremden 
an und fiel vor Freuden zur Erde, weil sie ihren geliebten Gemahl 
erkannte; sie bot ihm ihre weifse Hand und hiess ihn willkommen. 
Da entstand grosse Freude im ganzen Saal; Herzog Heinrich setzte 
sich zu seiner Gemahlin an den Tisch, dem jungen Bräutigam 
aber wurde ein schönes Fräulein aus Franken angetraut. Hierauf 
regierte Herzog Heinrich lange und glücklich in seinem Reiche. 
Ais er in hohem Alter verstarb, legte sich der Löwe auf des 
Herrn Grab und wich nicht davon, bis er auch verschied. Das 
Tier liegt auf der Burg begraben, und seiner Treue zu Ehren 
wurde ihm eine Säule errichtet. Grimm. 
1. Zu Limburg auf der Feste, 
da wohut’ eiu edler Graf, 
den keiner seiner Gäste 
jemals zu Hause traf; 
er trieb sich allerwegen 
Gebirg’ und Wald entlang, 
kein Sturm und auch kein Regen 
verleidet ihm den Gang. 
2. Er trug ein Wams von Leder 
und einen Jägerhut 
mit mancher wilden Feder, 
das steht den Jägern gut; 
es hing ihm an der Seiten 
ein Trinkgefäß von Buchs; 
gewaltig konnt’ er schreiten 
und war von hohem Wuchs. 
Wohl hatt’ er Knecht’ und Mannen 
und hatt' ein tüchtig Roß, 
ging doch zu Fuß von dannen 
und ließ daheim den Troß. 
Es war sein ganz Geleite 
ein Jagdspieß, stark und lang, 
mit dem er über breite 
Waldströme kühn sich schwang. 
4. Nun hielt auf Hohenstaufen 
der deutsche Kaiser Haus, 
der zog mit hellen Haufen 
einstmals zu jagen aus. 
Er rannt’ auf eine Hinde 
so heiß und hastig vor, 
daß ihn sein Jagdgesinde 
im wilden Forst verlor. 
95. Der Schenk von Limburg. 
3. 
7*
	        

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