Full text: V. Teil (5. Teil, 1889)

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Höhlen wie Flammenfeuer. Auf einem Esel zog er durch die Länder der 
Christenheit, in der einen Hand das Bild des gekreuzigten Heilands und 
in der andern einen Brief vom Patriarchen Jerusalems an alle Fürsten 
des Abendlandes, daß sie auszögen, um das heilige Grab aus der Gewalt 
der Türken zu befreien. Wo Petrus von Amiens hinkam, predigte er 
mit lauter Stimme die Leiden der Christen im gelobten Lande und sprach: 
Christus, der Herr, ist mir erschienen und hat zu mir geredet: Wohlan, 
Petrus, richte aus, was du begannst, und ich werde mit dir sein; denn 
die Stunde ist gekommen, daß mein Tempel gereinigt werde! Da über 
mannte in jener harten Zeit voll Raub, Mord, Fehde und wilder Gewalt 
alle Herzen ein mächtiger Drang. Jung und alt, Mann und Weib, 
reich und arm, Adel und Knechte standen auf, um ins gelobte Land zu 
ziehen zum Kriege gegen die Ungläubigen. 
Dieser allgemeinen Bewegung bemeisterte sich nun der Papst Urba- 
nus II. Er berief 1095 eine große Kirchenversammlung nach Clermont. 
Da waren 14 Erzbischöfe, 225 Bischöfe, 400 Äbte und Laien ohne Zahl. 
Mit begeisterter Rede forderte er das Volk zur Befreiung des heiligen 
Grabes auf. Und es horchte, hingerissen in Thränen und Seufzern, und 
rief wie aus einem Munde: „Gott will's! Gott will's!" Da heftete sich 
jeder ein rotes Kreuz auf die rechte Schulter und machte sich zur kriege 
rischen Wallfahrt bereit, welche davon der Kreuzzug hieß. Da schenkte 
mancher reiche Herr all sein Hab und Gut an Kirchen und Klöster und 
wollte kein Eigentum mehr haben als das Schwert zu Christi Ehren. 
Niemand dachte mehr an Haus, Hof und Vaterland, an Eltern und Kinder, 
sondern nur ans ferne Morgenland. Bald hatten sich viele Haufen 
gemeinen Volks bewaffnet, ohne rechte Waffen, wie ohne Zucht und 
Ordnung, und folgten einem Abenteurer, Walter, zubenannt der H a b e- 
nichts, und dem Petrus von Amiens aus Frankreich gen Deutschland. 
Da sahen die Deutschen anfangs mit Erstaunen auf sie und konnten, so 
fromm sie selber waren, doch das Treiben der wilden Haufen nicht 
begreifen. In der Raserei ihres Eifers zertrümmerten diese jede Schranke 
und erschlugen die Juden in Deutschland unter grausamen Martern, wo 
sie dieselben fanden. Als sie aber gen Aufgang der Sonne kamen, mußten 
sie diesen Frevel und ihre Zuchtlosigkeit büßen und wurden allenthalben 
als Straßenräuber erschlagen. 
Indessen hatte jene religiöse Begeisterung allmählich auch die deutschen 
Herzen durchdrungen, und zugleich erwachte in ihnen der Trieb nach kühnen 
Abenteuern. Da scharte sich im Jahre 1096 ein zahlreiches Heer von 
Kreuzfahrern, wohlgerüstet und in guter Zucht, rings um den frommen 
Gottfried von Bouillon, Herzog von Niederlothringen; mit ihm 
zogen viele tapfere Helden, an welche sich wiederum viele Krieger anschlossen. 
So stand fast eine halbe Million Menschen in Wehr und Waffen, alle 
von einem einzigen Gedanken durchdrungen, alle im festen Vertrauen, daß 
Gott ihnen den Sieg geben werde. 
So zogen sie in die Länder gen Sonnenaufgang. Sie erreichten glücklich 
Kleinasien und kamen nach Joppe und Gaza; aber Seuchen, Hunger 
und das Schwert der Türken hatten ihre Reihen so gelichtet, daß ihrer 
nur noch 21000 am Leben waren. Dennoch verbrachten sie hohe Kriegs 
thaten zum Erstaunen der Welt. Sie eroberten die festen Städte Edessa
	        

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