Full text: Festschrift zum 150. Jubiläum des Staatlichen Friedrichsgymnasiums zu Kassel

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Der Direktor Weber stammte aus Weimar. Er war Altphilologe, be 
geisterter Freund der griechischen und römischen Rlassiker, wegen seines etwas 
rauhen, unschönen Äußern und einiger Pedanterie bei den Schülern nicht 
gerade beliebt, aber ihnen mit großer Liebe zugetan. Das kam in geradezu 
rührender weise zum Durchbruch an seinen beiden Geburtstagen der Jadre 
1646 und 1649, an denen ich namens der prima als deren Erster ihm die 
Ansprache hielt. Der Freiheitsdrang des Jahres 1646 hatte auch seinen 
Sturm im wafferglase des Gymnasiums erzeugt. Ich sei, so erzählten mir 
später die Tanten Schmidt, in der Stube auf- und abgewandelt und hätte 
erregt über den Mangel von Freiheiten geklagt, unter dem wir litten. Auf 
die Frage: „Idr armen Jungen, inwiefern seid ihr denn so gedrückt;" hätte 
ich dann eine rechte Antwort nicht gewußt. Auf Beschluß der Rlaffe mußte 
ich aber dem Direktor vorstellen, „wir wünschten: Erstens erweiterte Er 
laubnis, öffentliche Lokale zu besuchen; zweitens in prima mit „Sie" ange 
redet zu werden, und — damit die Sache doch auch einen wiffenschaftlichen 
Hintergrund bekam — drittens den Geschichtsunterricht nicht mit dem Jahre 
1789 abgebrochen zu sehen". Auf Befürwortung des Direktors wurde alles 
vom Ministerium genehmigt, und ich muß sagen, daß allerdings der dritte 
Punkt, die Ausdehnung des Geschichtsunterrichts auf die Zeit der fran 
zösischen Revolution nebst ihren Folgen, mir für mein ganzes Leben von erheb 
lichem werte gewesen ist. Meine Geburtstagsrede zum 6. Mai J848 sprach 
den: Direktor den Dank der Schüler für die Gewährung unserer wünsche 
aus. Es zeigte sich aber das folgende Jahr hindurch, daß er künstlich die Sie- 
Anrede an die Primaner konsequent vermied. Am nächsten Geburtstag kam 
die Erklärung. Mit tränenden Augen erwiderte er auf meine damalige 
Ansprache: „Ihr lieben Schüler, wenn Ihr mir deute eine rechte Freude 
machen wollt, dann erlaubt mir, daß ich Euch wieder du nenne, ich k a n n' s 
nicht anders!" Und den Wunsch erfüllte man ohne Murren; so gewann der 
Direktor für seine Person das Privileg der Du-Anrede und bedielt es. 
Aus den Schuljahren, die ich den unteren Gymnasialklaffen angedörte, 
habe ich keine besonderen Erinnerungen; auch waren mir die Ledrer ziemlich 
gleichgültig. Eine Mitteilung über mich aus dem Munde eines damaligen 
Mitschülers ging mir kürzlich aus Wiesbaden zu, wo dieser in Amerika 
reichgewordene Mitschüler noch lebt. Sie dat einen stark komischen Bei 
geschmack, indem sie das sonderbare Verdältnis des Direktors zu einem gegen 
seinen willen in das Kollegium ihm gesetzten älteren Marburger profeffor 
namens Börsch beleuchtet. In deffen Geographiestunde erschien einst Weber 
der Kontrolle wegen. Auf Börschs Frage: „wo liegt das Rap Garda-Fui;" 
blieben die Gefragten die Antwort schuldig. Da erfolgte die Frage: „Herr 
Direktor, wiffen Sie es;" Auch hier reine Antwort. Der Mitschüler — 
Ludovici heißt er — erzählte dann weiter: „So blamierte Börsch den
	        

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