Full text: Festschrift zum 150. Jubiläum des Staatlichen Friedrichsgymnasiums zu Kassel

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Bestehen endgültig aufgelöst. — Inzwischen also war der Primanergesang 
verein ins Leben getreten. Jeder weiß, daß altere Schüler derartige 
Einrichtungen, wenn sie von den Lehrern ausgeben, als einen unange 
nehmen Zwang empfinden, dem sie sich nur ungern fügen. Aber Vogt geborte 
nicht zu denen, die sich leicht einschüchtern lasten, was er einmal anfaßte, 
das faßte er mit fester Hand an. Und er fetzte in diesem Falle seine ganze 
Person ein, das begonnene Werk durchzuführen. Fast zehn Jahre hat er 
jeden Sonnabendabend, ausgesucht den Abend, auf den als den schönsten 
weil sorgenfreisten, bekanntlich jeder Lehrer sich die ganze Woche hindurch 
freut, seinem neuen Verein geopfert. Mit dem Glockenschlag sieben saß er 
an seinem Platze in der Rrone, später bei Losch, im Lesemuseum, in dem 
Auewirtshaus, bei Verzett, oder wo sonst der Verein tagte, und harrte 
aus, bis mit militärischer Pünktlichkeit um zebn Uhr Schluß gemacht wurde. 
Reine Rücksicht auf die Familie oder auf Freunde ließ ibn seinem Vorsatz 
untreu werden. Es kam vor, daß er bei einer Partie des Guartettvereins, 
desten begeistertes Mitglied er war und dem wohl seine besten Freunde 
angehörten, plötzlich verschwand, um rechtzeitig bei seinen Primanern zu 
sein. Eine solche Eingebung, eine solche pflichttreue konnte nicht ohne Ein 
druck auf die Schüler bleiben. Vogt setzte seinen willen durch. Und was 
erst vielleicht Zwang und Druck von oben war, dem man sich bei der Autorität 
des Direktors nicht gut entziehen konnte, das wurde bald Bedürfnis und eine 
liebe Gewohnheit. Festlichkeiten, Rbein-, Rbön- und Harzfahrten, Ausflüge 
mit Damen erhöhten rasch die Liebe zu dem Verein, und immer wieder 
machte sich die jugendliche Begeisterung Luft in dem „stolzen Adler". Rudolf 
Brede war und blieb Vogts treuer Mithelfer, und die Mustk, vor allem der 
Männergesang, bildete jahrelang die Grundlage des Vereins. Flaute die 
musikalische Begeisterung einmal ab oder sank die Stimmung, weil der 
gesangliche Erfolg hinter den Erwartungen zurückblieb, so wußte Brede sie 
durch sein temperamentvolles, wunderbares Geigenspiel von neuem zu ent 
flammen. Vogt hat diesem von ihm gegründeten Verein seine Liebe und sein 
wärmstes Intereste bis zu seinem Code bewahrt, und noch kurz vor seinem 
Ende hat er Brede das Versprechen abgenommen, ihn als sein Vermächtnis 
anzusehen und ihm weiter ein treuer Leiter, Freund und Beschützer zu bleiben. 
Brede hat dies Versprechen gehalten, wenn er dem Verein auch infolge 
des zunehmenden Alters nicht mehr so viel Zeit wie in früheren Jahren 
widmen konnte, wie sehr alle Mitglieder des Vereins, besonders die älteren 
Jahrgänge, den beiden Gründern ihre Dankbarkeit allezeit bewahrten, dafür 
legt das Grabdenkmal Vogts* und die Bredestiftung ein beredtes Zeugnis ab. 
* Das von einem Verwandten Vogts, Hugo Lauer in Kreuznach, angefertigte Denkmal 
wurde am )5. Juni 1015 eingeweiht; 107 Mitglieder hatten 2700 Mark gestiftet. Auch 
Kaiser Wilhelm war mit einer Summe von doo Mark beteiligt. Die Weiherede hielt 
Pfarrer Ruetz.
	        

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