Full text: Festschrift zum 150. Jubiläum des Staatlichen Friedrichsgymnasiums zu Kassel

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Vor dem Dachstein 
Esten und dem Berchtesgadener 
watzmann im Westen, dann emp 
findet man die Allmacht Gottes 
und seiner unbegreiflich schönen 
Werke, lind mitten in diese 
Zauberwelt hinein ein Gottes 
dienst in Sonntagsfrühe auf der 
Hochwiese am Heim: zwei Geigen 
präludieren ein zweistimmiges 
Solo von Gorelli in die blaue Luft 
hinein: rings an den Rändern der 
Hochwicsen die stolzen Berge, fern 
im Süden der blinkende Dachstein 
gletscher, eine fromm-freudige 
predigt von Herrn Pfarrer Gon 
rad, — oder nicht minder ergrei 
fend in der kleinen Diasporakapel 
le, die wir Evangelische seit Iahr- 
hunderten mal wieder füllten, 
ein greiser Prediger, ein feurig- 
geistiger Gottesmann, mit den 
evangelischen Resten aus der Zeit der Gegenreformation. Reiner kann 
stch dem schönen Land entziehen, hiervon verspreche ich mir den nach 
haltigsten Eindruck auf die jugendlichen Seelen. Die stolze Erhabenheit der 
Landschaft verändert bald die Einstellung zur Ulatur, man verliert zunächst 
den heimatlichen Maßstab, aber nach einer Woche bat man Abstand 
gewonnen, um mit dauerndem Gewinn beobachten zu können, 
llnd dann nur acht bis neun Regentage.* Aber was für Regentage! Um 
Ruppen und Höhen wirbeln Wolkenfetzen, von allen hängen stürzen waster- 
bäche, oft senkrecht, herunter, die sonst so sanfte Graun donnert, ein wilder 
Strom, zu Gal. Das find unvergefiene Eindrücke, sie haften ewig. Gott redet 
zu den Menschen im Gebirge eine andere Sprache als zu den Ulenschen der 
Ebene, wer das erlebt, besten Gefühlsleben ist tief und für Lebenszeit 
ergriffen. Ulan begreift, daß fromme Nlalerei und Herrgottsschnitzkunst in 
den Bergen immer wieder neue Heimstätten fanden, und daß die Lieder hier 
oben kein Ende nehmen. Zudem lebten wir inmitten eines kerndeutschen 
Stammes, der aus seiner Sehnsucht, ins Reich zurückzukehren, kein Hehl 
macht. Ich persönlich bin dem Anschlußgedanken gegenüber skeptisch in die 
Steiermark gefahren und kehre als ein begeisterter Freund des 2lnfchluß- 
* „Heuer babn mer an Sommer!" sagten stolz die Steirer, in deren Land, wie eine garstige 
Sage kündet, die Säuglinge mit einem Regenschirm geboren werden. 
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