gewiß von den hohen Beamten und den Leuchten der Wissenschaft
manches gute Wort geredet, aber auch einiges Überflüssige, un—
nötige Längen und viel Wiederholungen verzapft wurden, jodaß
die ganze Feier gegen 2 Stunden später endigte, als ursprünglich
angenommen war. Von maßgeblicher Seite iist jüe künflige Äni-
versitãtsjubiläen der unmaßgebliche Vorschlag gemacht, das Podium
der Rednertribũne versenkbar herzustellen; nach 3 Minuten Reden
ein warnendes Klingelzeichen, nach 5 Minuten unweigerliche
Dersenbung in die Tiefe.
Jedenfalls gaben diese 32 Keden auf nüchternen Magen
„viel Stimmung jũr den nachfolgenden Imbiß“, der im Anschiuß
in den Festakt den Professoren und geladenen Gästen in der Uni-—
»ersitãtsaula gereicht wurde. Die auf 15 Uhr angesetzte Ein—
veihung des neuen Kunstinstituts, das äußerlich vollendet, innerlich
noch nicht voll ausgebaut und eingeräumt, durch die Pracht der
Innenräãume, namentlich des herrüchen Binnenhofes mit seinem
Speingbrunnen sich auszeichnet, verzögerte sich bis 168. Ahr,
vworauf dann 526 Herren (Baumeister, Kultusminister, Vorsitzender
des Univ.Bundes, Kurator usto.) unter längeren oder bürzeren
Reden einer dem andeern den Schlühsel zur Haupttür des Gebäudes
in die Hand drũckten; danach abteilungsweise Führung durch das
Institut. Von dem Kest des Tagesprogrammes, Einweihung
der Kinder- und Ohrenbliniben, Faustrezikation und studentische
Feier in der Aniversitätslirche habe ich nichts gesehen und gehört,
da ich mich von dem bisher Genossenen ein wenig erholen und für
einen Korporationskommers am Abend schonen mußte; doch soll
der Dortrag von Professor Gerber Die Idee der Universität als
wissenschaftliche Gemeinde“ vorzũglich gewesen sein. Der Abend
ereinte die Dozentenschaft und besonders geladene Gäste zu einem
Festessen in der Festhaͤlle.
Der Sonntag brachte dann um Ol/ Uhr den zweiten Fest⸗
aktus in der Festhalle mit dem geistigen Höhepunki der ganzen
feier. der tiefgrüũndigen und inhaltsreichen Festrede von Profesjor
I, Otto ũber die innere Entwicklung und die Aufgaben der
Universitãten — unter besonderer BSeruͤcksichtigung der Marburger
- mit dem Siel selbständigen Wahrheitjuchens. Sie schloß mit
zinem Hoch auf die alma mater Fhilippina. Im Anschluß daran
zrfolgte die Verbündigung der 20 neuen Ehrenjsenatoren der
Universität und die Ehrenpromotionen der Fabultäten. Von
eßteren fielen 9 auf die theologische — darunter bemerbenswert
Keichsgerichtspräsident Dr. Simon und Oberpräsident Dr. Schwander
ind 2 Nusländer, die Professoren Dr. Wackernagel-Sajel, Dr.
Kamsay-Edinburg —, 8 auf die medizinische — darunier der
Kultusminister Becker und Geheimrat Häuser —, 8 auf die juristische
Die Professoren auf dem Wege zum Felstzelt.
— darunter Geh. Rat. v. Below⸗Freiburg, Generaldirektor der
preuß. Staatsarchive Dr. Kehr, Landeshauptmann v. Gehren,
Drofessor Dr. RenterstiöldUpfala und der pens. Oberbürger⸗
geister Schüler in Marburg — und 31 auf die philosophische
Fabultãt mit ihren vielen Wissenszweigen. Hier verdienen besondere
?ewähnung Landgraf Alexander Friedrich von Hessen, ein Nach—
omme des Stifters der Aniversität, Finanzininister Dr jur—
opber· Aschoff, Geh. Justizrat Prof. Dr. jur. Hehmann in Berlin,
)r. Pfeiffer⸗Kassel, Oberforstmeister Schilling, ehemal. Direklor
der Forstakademie Hann. Münden, 2 englische,1 italienijcher,
in mexibanischer und ein indischer Gelehrker, sowie der schon
enannte Botschafter der Vereinigten Staaten, die die Wuüede
ines Dr. phil,, die Oberbũrgermeister von Fulda und Kassel, die
en Titel eines Dr. rer. pol erhielten, und unser um unsere
Iniversitãt so reich verdienter Kurator, Geh. OberRegierungsrat
». Hülsen, dem zu seinem Dr. jur. und Dr. med. noch der Dr. pim.
ind Dr. rer. pol. verliehen ward.
Die nachmittagigen Feiern des Sonntags griffen dann über
ie akademischen Kreise weit hinaus und galten der ganzen Be—
õlkerung von Marburg und dessen Umgebung, soweit sie Bewegungs⸗
aum und Gelegenheit zum Suschauen fand. Vom ehemaligen
deutsch· Ordensgut, dem jetzigen AUniversitäts-Keitinstitut am Oeten.
erg, ging am Nachmittag 1312 Uhr der Festzug aus, Landgraf
ind Landgräfin, hoch zu Koß mit ihrem Gefolge an Kiltern und
ẽdeldamen, mit Kriegsknechten und Pagen (jämtuch dargestellt durch
ꝰfudenten und Töchter von Professoren ujw.), denen sich an der
ahnbrũcke vor dem Bahnhof die Sänger und Sünfte, alle in der
Lracht der Reformationszeit, anschlossen. Nach einer Wanderung
urch eine Anzahl namentlich älterer Straßen Marburgs, überall
on dem jpalierbildenden und aus den Fenstern aller Slocwerke
chauenden Publlbkum lebhaft begrũßt, nahte sich der Zug gegen
5.Ahr dem Marktplatz, wo ein burzes, von Theodor Sirt ver.
1ßtes Festspiel, eine Begrũbung des Sandgrafen durch die Bũrger⸗
haft stattjand. OVon Ordnern und Sanitätern geleitet, eliten und
tiegen dann die Sugteilnehmer, die in ihren aten Trachten ein
iberaus buntes und interessantes Sild boten durch die Nibolaistraße,
iber den lutherischen Kirchhof, durch die Kugelgasse, das Kalbstor
ind die Sybelstraße auf der Lutherstraße und dem Behringweg
um Schlosse hinauf, wo der Kebtor mit den Gästen bereits im
zchloßhof weilte, ein Sangerchor sie empfing, der Landgraf? mit
inigen wenigen Worten das Zeichen zum Seginn des Vollsfestes
ab und eine geradezu ungeheure Volbsmenge mit Heilruf und
WRteschwenben sie willommen hieß. Man schätzte die Sahl der
Anwesenden auf ca. 35 000, und die Schaͤßung mag noch zu niedrig
etroffen sein, da an dem Sonntag gllein Loooo Eisenbahnbarten
usgegeben sind, und die Marburger selbst, sowie die Landbewohner
us der näheren Umgebung zu Fuß oder mit Fuhrwerk gekommen
iind. Die elektrische Stadtbahn
hat in den 3 Festtagen 75 000
Personen befördert. Für diese
aingeheure Teilnehmerzahl reichte
der Raum des Schloßhofes und
des angrenzenden Staͤttparks
uind Bückings Garten, wo üũber⸗
all Tanzzelle und plätze, sowie
Erfrischungszelte aujgerichtet
varen, kaum aus, man krat ein⸗
ander auf die Füße, man drängte
sich zu den Orten, wo Schwert⸗
tãnze getanzt wurden oder son⸗
tige Vorführungen für die
S„chaulust staitsanden, und nur
vpenigen gelang es, etwas zu
ehen, die Aus- und Eingänge
des Schloßhofs waren troßtz aller
Semũhungen der Schupo durch
die Hineinwollenden und Hĩnaus⸗
trebenden derart verstopft, daß
mancher aus Furcht vor dem
Schwitzbad in dieser Volks-
menge bei glühendem Sonnen⸗
schein sich nicht vom Flecke wagte
und doch stehen oder sich ein
wenig bewegen mußte, weil alle
Sißgelegenheiten besetzt waren.
Der Abend versammelte
dann von o Alhr an die Studenten,
alten Herren und sonstigen Fest—
eilnehmer noch einmal in der
Festhalle zu einem, von dem
erzeitigen Vorsihenden des Studentenausschusses, Stud. Stahl-
nann, Alemanniade, vortrefflich geleiteten Festklommers, wo
rohe Lieder beim Becherklang mit guten Keden und an—
Hofphotograyh Eherth. Fassel.
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