Volltext: Heimatschollen 1926-1928 (6. Jahrgang - 8. Jahrgang, 1926-1928)

gewiß von den hohen Beamten und den Leuchten der Wissenschaft 
manches gute Wort geredet, aber auch einiges Überflüssige, un— 
nötige Längen und viel Wiederholungen verzapft wurden, jodaß 
die ganze Feier gegen 2 Stunden später endigte, als ursprünglich 
angenommen war. Von maßgeblicher Seite iist jüe künflige Äni- 
versitãtsjubiläen der unmaßgebliche Vorschlag gemacht, das Podium 
der Rednertribũne versenkbar herzustellen; nach 3 Minuten Reden 
ein warnendes Klingelzeichen, nach 5 Minuten unweigerliche 
Dersenbung in die Tiefe. 
Jedenfalls gaben diese 32 Keden auf nüchternen Magen 
„viel Stimmung jũr den nachfolgenden Imbiß“, der im Anschiuß 
in den Festakt den Professoren und geladenen Gästen in der Uni-— 
»ersitãtsaula gereicht wurde. Die auf 15 Uhr angesetzte Ein— 
veihung des neuen Kunstinstituts, das äußerlich vollendet, innerlich 
noch nicht voll ausgebaut und eingeräumt, durch die Pracht der 
Innenräãume, namentlich des herrüchen Binnenhofes mit seinem 
Speingbrunnen sich auszeichnet, verzögerte sich bis 168. Ahr, 
vworauf dann 526 Herren (Baumeister, Kultusminister, Vorsitzender 
des Univ.Bundes, Kurator usto.) unter längeren oder bürzeren 
Reden einer dem andeern den Schlühsel zur Haupttür des Gebäudes 
in die Hand drũckten; danach abteilungsweise Führung durch das 
Institut. Von dem Kest des Tagesprogrammes, Einweihung 
der Kinder- und Ohrenbliniben, Faustrezikation und studentische 
Feier in der Aniversitätslirche habe ich nichts gesehen und gehört, 
da ich mich von dem bisher Genossenen ein wenig erholen und für 
einen Korporationskommers am Abend schonen mußte; doch soll 
der Dortrag von Professor Gerber Die Idee der Universität als 
wissenschaftliche Gemeinde“ vorzũglich gewesen sein. Der Abend 
ereinte die Dozentenschaft und besonders geladene Gäste zu einem 
Festessen in der Festhaͤlle. 
Der Sonntag brachte dann um Ol/ Uhr den zweiten Fest⸗ 
aktus in der Festhalle mit dem geistigen Höhepunki der ganzen 
feier. der tiefgrüũndigen und inhaltsreichen Festrede von Profesjor 
I, Otto ũber die innere Entwicklung und die Aufgaben der 
Universitãten — unter besonderer BSeruͤcksichtigung der Marburger 
- mit dem Siel selbständigen Wahrheitjuchens. Sie schloß mit 
zinem Hoch auf die alma mater Fhilippina. Im Anschluß daran 
zrfolgte die Verbündigung der 20 neuen Ehrenjsenatoren der 
Universität und die Ehrenpromotionen der Fabultäten. Von 
eßteren fielen 9 auf die theologische — darunter bemerbenswert 
Keichsgerichtspräsident Dr. Simon und Oberpräsident Dr. Schwander 
ind 2 Nusländer, die Professoren Dr. Wackernagel-Sajel, Dr. 
Kamsay-Edinburg —, 8 auf die medizinische — darunier der 
Kultusminister Becker und Geheimrat Häuser —, 8 auf die juristische 
Die Professoren auf dem Wege zum Felstzelt. 
— darunter Geh. Rat. v. Below⸗Freiburg, Generaldirektor der 
preuß. Staatsarchive Dr. Kehr, Landeshauptmann v. Gehren, 
Drofessor Dr. RenterstiöldUpfala und der pens. Oberbürger⸗ 
geister Schüler in Marburg — und 31 auf die philosophische 
Fabultãt mit ihren vielen Wissenszweigen. Hier verdienen besondere 
?ewähnung Landgraf Alexander Friedrich von Hessen, ein Nach— 
omme des Stifters der Aniversität, Finanzininister Dr jur— 
opber· Aschoff, Geh. Justizrat Prof. Dr. jur. Hehmann in Berlin, 
)r. Pfeiffer⸗Kassel, Oberforstmeister Schilling, ehemal. Direklor 
der Forstakademie Hann. Münden, 2 englische,1 italienijcher, 
in mexibanischer und ein indischer Gelehrker, sowie der schon 
enannte Botschafter der Vereinigten Staaten, die die Wuüede 
ines Dr. phil,, die Oberbũrgermeister von Fulda und Kassel, die 
en Titel eines Dr. rer. pol erhielten, und unser um unsere 
Iniversitãt so reich verdienter Kurator, Geh. OberRegierungsrat 
». Hülsen, dem zu seinem Dr. jur. und Dr. med. noch der Dr. pim. 
ind Dr. rer. pol. verliehen ward. 
Die nachmittagigen Feiern des Sonntags griffen dann über 
ie akademischen Kreise weit hinaus und galten der ganzen Be— 
õlkerung von Marburg und dessen Umgebung, soweit sie Bewegungs⸗ 
aum und Gelegenheit zum Suschauen fand. Vom ehemaligen 
deutsch· Ordensgut, dem jetzigen AUniversitäts-Keitinstitut am Oeten. 
erg, ging am Nachmittag 1312 Uhr der Festzug aus, Landgraf 
ind Landgräfin, hoch zu Koß mit ihrem Gefolge an Kiltern und 
ẽdeldamen, mit Kriegsknechten und Pagen (jämtuch dargestellt durch 
ꝰfudenten und Töchter von Professoren ujw.), denen sich an der 
ahnbrũcke vor dem Bahnhof die Sänger und Sünfte, alle in der 
Lracht der Reformationszeit, anschlossen. Nach einer Wanderung 
urch eine Anzahl namentlich älterer Straßen Marburgs, überall 
on dem jpalierbildenden und aus den Fenstern aller Slocwerke 
chauenden Publlbkum lebhaft begrũßt, nahte sich der Zug gegen 
5.Ahr dem Marktplatz, wo ein burzes, von Theodor Sirt ver. 
1ßtes Festspiel, eine Begrũbung des Sandgrafen durch die Bũrger⸗ 
haft stattjand. OVon Ordnern und Sanitätern geleitet, eliten und 
tiegen dann die Sugteilnehmer, die in ihren aten Trachten ein 
iberaus buntes und interessantes Sild boten durch die Nibolaistraße, 
iber den lutherischen Kirchhof, durch die Kugelgasse, das Kalbstor 
ind die Sybelstraße auf der Lutherstraße und dem Behringweg 
um Schlosse hinauf, wo der Kebtor mit den Gästen bereits im 
zchloßhof weilte, ein Sangerchor sie empfing, der Landgraf? mit 
inigen wenigen Worten das Zeichen zum Seginn des Vollsfestes 
ab und eine geradezu ungeheure Volbsmenge mit Heilruf und 
WRteschwenben sie willommen hieß. Man schätzte die Sahl der 
Anwesenden auf ca. 35 000, und die Schaͤßung mag noch zu niedrig 
etroffen sein, da an dem Sonntag gllein Loooo Eisenbahnbarten 
usgegeben sind, und die Marburger selbst, sowie die Landbewohner 
us der näheren Umgebung zu Fuß oder mit Fuhrwerk gekommen 
iind. Die elektrische Stadtbahn 
hat in den 3 Festtagen 75 000 
Personen befördert. Für diese 
aingeheure Teilnehmerzahl reichte 
der Raum des Schloßhofes und 
des angrenzenden Staͤttparks 
uind Bückings Garten, wo üũber⸗ 
all Tanzzelle und plätze, sowie 
Erfrischungszelte aujgerichtet 
varen, kaum aus, man krat ein⸗ 
ander auf die Füße, man drängte 
sich zu den Orten, wo Schwert⸗ 
tãnze getanzt wurden oder son⸗ 
tige Vorführungen für die 
S„chaulust staitsanden, und nur 
vpenigen gelang es, etwas zu 
ehen, die Aus- und Eingänge 
des Schloßhofs waren troßtz aller 
Semũhungen der Schupo durch 
die Hineinwollenden und Hĩnaus⸗ 
trebenden derart verstopft, daß 
mancher aus Furcht vor dem 
Schwitzbad in dieser Volks- 
menge bei glühendem Sonnen⸗ 
schein sich nicht vom Flecke wagte 
und doch stehen oder sich ein 
wenig bewegen mußte, weil alle 
Sißgelegenheiten besetzt waren. 
Der Abend versammelte 
dann von o Alhr an die Studenten, 
alten Herren und sonstigen Fest— 
eilnehmer noch einmal in der 
Festhalle zu einem, von dem 
erzeitigen Vorsihenden des Studentenausschusses, Stud. Stahl- 
nann, Alemanniade, vortrefflich geleiteten Festklommers, wo 
rohe Lieder beim Becherklang mit guten Keden und an— 
Hofphotograyh Eherth. Fassel. 
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