Full text: Friedrich A. W. Murhard, (1778 - 1853), Staatsrechtler und politischer Publizist im vormärzlichen Liberalismus (Teil 1)

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England existiert. Das Verhältnis von König, Regierung, 
Parlament, und Volk. zueinander: ist mustergültig, selbst 
das Zweikammer-System kann hingenommen werden. Beispiel= 
haft sind die Gerechtsame des Hauses der Gemeinen, begin= 
nend beim Klagerecht gegen Minister bis zur Präponderanz 
des Parlaments. Wird die Institution des Ministers in 
umfangreichen Darlegungen kritisch untersucht, so gilt 
diese Bemühung noch weit ausführlicher dem Parlament. 
Transparent werden politische Situationen gemacht und 
7 wie so vieles - dem Kontinent dringend empfohlen, etwa 
die Einrichtung, daß der Minister im Parlament nur wie 
andere Parlamentarier Sitz und Stimme hat und keinerlei 
Rechte aus seinem Ministeramt herleiten darf. Mit Inten= 
sität gehen Murharäds Gedanken auf die Gesetzesinitiative,. 
In dieser Frage sieht er England am weitesten fortge= 
Schritten. In dieser Zeichnung des Englandbildes steckt 
allerdings ein historischer Denkfehler, Murhard scheint 
ihn gefühlt zu haben, der auf Montesquieu zurückgeht und 
durch die Gefolgschaft des großen Kommentators vor allem 
auf den Kontinent getragen wird und sich dort den frühen 
Liberalen als Muster für die Gewaltentrennung darbietet, 
obschon Montesquieu die englischen Verhältnisse als Ge= 
waltenteilung zu interpretieren beabsichtigt (>), Der 
König übt die Exekutive; an der Legislative hat er keinen 
Anteil. Er beeinflußt aber durch allerlei Prärogativen, 
besonders die Berufung und Auflösung der Parlamente, die 
Gesetzgebung und wahrt so seine Funktion als Bindeglied 
der beiden Kammern, Diese Stellung des Königs ist aber 
nicht mehr aktuell, weil der Brauch in England inzwischen 
ein anderer geworden ist im Zuge des modernen englischen 
Parlamentarismus. 
Klnig und Parlament besitzen gemeinsam die Legislative; 
aber nur dem König obliegt die Exekutive. Murhard hält es 
für sehr klug, daß die Exekutive dem Parlament entzogen 
ist, weil sonst die Gefahr der Bestechlichkeit, ja des 
Terrors von seiten des Parlaments äürohe, vorab dann, wenn 
die Angehörigen der Kammern nicht integre Leute sind, wie 
Murhard glaubt, in England beobachtet zu haben. 
Murhard verfällt auch - allerdings bei heftigster Kritik 
der englischen Institutionen —- dem dritten Fehler Montes= 
quieus, daß er dessen grundsätzliche gesellschaftliche
	        

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