Full text: Friedrich A. W. Murhard, (1778 - 1853), Staatsrechtler und politischer Publizist im vormärzlichen Liberalismus (Teil 1)

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Mißtrauen und Unzufriedenheiten tiefe Wurzeln geschlagen 
haben. Und wenn auch jede oberste Staatsgewalt Gehorsam 
und Respekt bedarf, so soll doch nie vergessen werden, 
daß Voraussetzung dazu ein nicht allzu kleines Maß 
eigenerMachtvollkommenheiten sein muß. Darum macht die 
Beschränkung der Gewalt des Fürsten das Volk nicht immer 
freier; eigenmächtig soll ein Fürst nicht sein, aber 
auch nicht schwach" (Pol.Ann. 7/17). Charakteristisch 
heißt es an derselben Stelle weiter: "Selbst bürgerlich 
geboren, dem Interesse des Bürgers mit ganzer Seele 
zugetan, der Sache des Bürgers treu bis zum letzten Atem=- 
zuge, ist mir kein Anblick widerlicher, als wenn ich 
sehe, daß der plumpe Pöbelstolz sich an die Stelle des 
anständigen Fürstenstolzes setzen will". "In ihrem 
Fürsten muß die Nation sich azhten, sich in seiner Würde 
ehren" (ebd.). Es ist die Vorstellung des deutschen Bür= 
gers von seinen Fürsten, wie sie geblieben bis auf unsere 
Tage. Es ist ihm widerlich, daß Deputierte sich und ihre 
Nation zu ehren glauben, wenn sie den "Wasch- und Küchen= 
zettel des regierenden Hauses" revidieren. An welchen 
Stellen die Volksvertretung Beschränkungen ganz bestimm= 
ter Art einer solchen gesetzmäßig verankerten Fürsten= 
schaft eintreten läßt, wird bald zu zeigen sein. 
Isties hier deutsche Art schlechthin, ist es Aufklärung 
der höchsten Entwicklungsstufe, ist es Montesquieu, ist 
es die ideal gesehene französische Revolution von 1789, 
was Murhards Auffassung bestimmt, so entfernt er sich 
augenscheinlich von den landläufigen Meinungen des deut= 
schen Liberalismus in seiner Bewertung und Einordnung 
des Adels in dem Verhältnis von‘ Fürst: und Volk, Er wilz 
zwar nicht die radikale Abschaffung des Adels wie in 
Norwegen, und sollte es doch dahin kommen, dann nicht 
ohne Entschädigung seiner Realrechte (Pol.Ann. 2/110); 
aber wie der Glaube an Hexen und Zauberei gewichen, so 
ist auch die Meinung untergraben, daß die Geburt eine 
Scheidewand bilde zwischen den Menschen und Anspruch auf 
Vorrechte gebe, Deshalb hat der Adel "sich im gebildeten 
Europa überlebt.und wird sich früher oder später schon 
bequemen müssen, mit dem Strome zu schwimmen" (Pol.Ann. 
1/246). Gewiß ist es "eine Art Naturrecht, daß der Starke 
herrscht und der Schwache dient" (Pol.Ann., 6/16), und
	        

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