Full text: Friedrich A. W. Murhard, (1778 - 1853), Staatsrechtler und politischer Publizist im vormärzlichen Liberalismus (Teil 1)

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tragen und also den höchsten Menschheitsinteressen dienen. 
Die Völker von Intelligenz und Rang haben einen Maßstab 
gefunden: höchste Entfaltung der geistigen Fähigkeiten 
beim Einzelnen wie bei der Gesamtheit zum Zwecke einer 
dauernden Wohlfahrt. Das Mittel dazu ist üdie Errichtung 
freier Verfassungen im gesellschaftlichen und politischen 
Leben. 
Bei solchem Streben haben sich in aller Welt zwei Gruppie= 
rungen herausgebildet: die eine will das System einer im= 
merwährenden Stabilität durchführen; die andere will eine 
Ordnung der Dinge herbeiführen, die dem Wesen des vernunft: 
begabten Menschen entspricht. Kommt es nicht zum Ausgleich 
dieser Kraftstzöme, dann führt der weitere Verlauf über 
steigende Unruhe zu gewaltsamer Katastrophe. Zwar ist zur 
Zeit der äußere Friede da, aber der innere fehlt; mag alle 
noch so schön geordnet erscheinen, die menschliche Seele 
ist unruhig. Nichts verspricht Besserung, allenfalls Nord= 
amerika als Vorbild; aber die anderen bieten nichts, am 
wenigsten die Heilige Allianz, mag sie noch so laut ihren 
ehristlichen Charakter verkünden. Umso gefährlicher drohen 
Katastrophen für die europäische Welt von jener Sphinx, 
die dag Rußland heißt. Dieses Riesenreich beginnt seine 
materiellen Kräfte zu organisieren. Doch weit gefährlicher 
ist die Willkür des Zaren, die den Koloß in Bewegung set= 
zen kann gegen Europa, gegen die ganze zivilisierte Welt, 
wenn nicht an der Wolga die Erkenntnis durchbricht, daß 
 Reisbiger Fortschritt, daß innenpolitische Aufgaben wich= 
tiger sind als räumliche Ausdehnung des Reiches. 
Nur so kann altes Unrecht wieder gutgemacht und neues ver= 
hütet werden. Polen soll man wieder freigeben, Preußen 
soll sich aus der russischen Verstrickung lösen. Ähnlich 
liegen die Dinge für Finnland. Österreich müßte sich ein= 
deutig zu seinem deutschen Auftrag bekennen und zur Balan= 
cekraft im schwankenden Europa werden. Vielleicht, daß 
dann England zu einem so ausgewogenen Europa hinfände. Wie 
bedauerlich, daß Deutschland keine Hilfe bieten kann, SO= 
lange es im Inneren so zwiespätig bleibt wie bisher. Ja, 
man sollte nicht über das noch immer darniederliegende 
Frankreich sovotten. Es muß die Zeit kommen, da Frankreich 
wieder seine vielfachen Kräfte einsetzen kann zum Wohle 
ganz Europas gegen den asiatischen Osten.
	        

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