Full text: Geschichte der Kirchenvisitationen der Hanauer ev. reformierten Kirche im 18. Jahrhundert, dazu: Geschichtliche Abhandlung über die Hanauer Quartal-Convente im 17. Jahrhundert

PR 
Auf dem Convent zu Kesselstadt am 4. 10. 1632 beschwert sich 
der Pfarrer wegen des Hofmanns, so in Gnä. Herrschaft Hof ist, dass 
er auf alle Sonntage vom Oberkeller Herrn Heinrich Apel hin und wieder 
auf die Dörfer, Schulden, Dienstgeld, Hühner etc. einzutreiben geschickt 
werde und aber itzt nit vorhanden, auch sonst nimmer zum Gottesdienst 
komme. Der Inspector wird hierüber selbst mit dem Keller reden. 
Ebendaselbst wird vorgebracht, dass die Alten, wenn man das 2, 
mal zur Kirche läutet, gemeiniglich gen Hanau laufen mit Vorwendung, 
sie gehen daselbst zur Mittagspredigt, da sie doch andern ihren Sachen 
nachgingen, und also Gott den Herrn zu betrügen sich unterständen, 
Sie sollen sich in Zukunft hiefür treulich hüten und sich sowol die Alten 
als die jungen Leute bei der wieder aufzurichtenden information ein- 
stellen. 
Als gravamina specialissiıma Kestadiana werden zu gleicher Zeit 
ebenfalls noch aufgeführt: ı) dass die Landbettler von 20, 30 Meilen 
her einander in beide leere Häuser bescheiden, etliche Wochen lang 
sich darinnen aufhalten, dem Almosenkasten zu Hanau und den Bürgern 
beschwerlich seien, dass sie oft eine ganze Nacht bei einem Feuer singen, 
springen, tanzen, spielen, Hurerei und Ehebruch treiben, welches ad 
notam genommen wird, mit dem praetore davon zu reden; 2) dass die 
Sonntage zu Mittag die Hanawer Leut, sonderlich zu Sommerszeiten, 
ein solch Jauchzen und Unwesen im Wirtshaus haben, dass mans in 
der Kirch hört und gestört wird. 
Das hochgräfliche Consistorium zu Hanau unterzog allezeit die 
ihm referierten gravamina et generalia et specialia einer hochgeneigten 
Erwägung, um, soweit es in seinen Kräften stand, denselben Abhülfe 
zu Teil werden zu lassen. Jedenfalls ist die in den Conventsverhand- 
lungen von Zeit zu Zeit wiederkehrende Bemerkung, das gravamen gra- 
vissimum sei, dass denen gravaminibus nicht abgeholfen würde, nicht 
ganz richtig. Sie kann nur in soweit passieren, als sie ein löbliches 
Zeugnis abgibt für die treue und eifrige Hingebung der Conventualen 
an ihre Aufgabe, das daniederliegende Kirchenwesen zu bauen und auf- 
zurichten. 
Welche weitgehenden Competenzen in dieser Hinsicht dem Con- 
vent überlassen waren, können wir in ganz besonders auffälliger Weise 
aus den ihm den Pfarrern der Klasse gegenüber zustehenden Befug- 
nissen wahrnehmen, und zwar abgesehen von der fleissig geübten cen- 
sura morum. Nicht nur dass der Convent derselben gemäss Lehre und 
Leben, amtliches und ausseramtliches Verhalten der Pfarrer fortwährend 
übersah und kritisierte, er unterwarf auch die neu hinzukommenden 
einer Verpflichtung ev. sogar einer Prüfung, die sonst nur dem eigent- 
lichen Kirchenregiment, der oberstbischöflichen Behörde zuzustehen pflegt. 
Sogar der vom Consistorium bestellte Inspector der Klasse musste sich 
förmlich und feierlich in den Convent einführen lassen, ehe er an den 
Arbeiten desselben Teil nahm. 
Ueber ein Pfarrexamen vor versammeltem Convent finden sich im
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.