Full text: Geschichte der Kirchenvisitationen der Hanauer ev. reformierten Kirche im 18. Jahrhundert, dazu: Geschichtliche Abhandlung über die Hanauer Quartal-Convente im 17. Jahrhundert

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Das erleichterte Verkehrswesen unserer Zeit — ich bitte dem Aus- 
druck den denkbar weitesten Sinn unterzulegen —, welches uns heutzu- 
tage mit der Aussenwelt fort und fort in sozusagen unmittelbare Be- 
rührung versetzt, infolge dessen wir uns Jahr aus Jahr ein auf Schritt 
und Tritt von derselben anregen lassen, war für die Alten zum grössten 
Teil noch nicht geboren. In die entlegenen Wald- und Gebirgsdörfer 
verirrte sich keine politische Zeitung und kein theologisches Fachblatt. 
Eine weltliche und kirchliche Tageslitteratur, die uns alle jetzt in Hin- 
sicht auf jede Staat und Kirche bewegende Frage fortwährend auf dem 
laufenden erhält, bestand noch nicht. Da war auch kein allgemeines 
ernstliches und zielbewusstes Arbeiten auf dem Gebiete der inneren und 
äusseren Mission, durch welches die Kirche in unsern Tagen je mehr 
und mehr ihre Glieder zwingen darf mit Gottes Gnade und Hülfe eines 
Herzens und eines Sinnes zu werden, zum wenigsten aber einen Jeden, der 
die Ehre hat dem Stande ihrer Geistlichkeit anzugehören, unwiderstehlich 
zur Reichs-Gottes-Sache Stellung zu nehmen. Da gabs keine christlichen 
Liebes- und Volksvereine, keine christlichen Volksfeste. Es gab keine 
Pfarrconferenzen aus freier Entschliessung, den Conferenzen, Vereinen 
und Zusammenschlüssen anderer Fachgenossen entsprechend, zu denen 
ein jeder, der überhaupt Standesinteresse hat, sich hingezogen fühlen 
muss, um angeregt zu werden und um selber anzuregen, indem er das 
Beste mitbringen kann und darf was er hat. Der Horizont der Alten 
war so klein, gar zu klein! Der unsrige ist oft zu gross. Manchmal 
ist Gefahr vorhanden, dass sich Einer in die Weite hinein verflacht und 
verliert der Regel zuwider, dass in der Beschränkung der Meister liege, 
und dass er versucht wird, sich der ernstlichen Vertiefung in Sich selbst 
zu entschlagen und seine ihm Zunächst zugewiesene Aufgabe zu ver- 
gessen. Solche Gefahr lag den Alten fern. Desto mehr waren sie der 
Gefahr geistlicher und geistiger Verkümmerung ausgesetzt. Dieselbe trat 
in der Tat öfters in höchst betrübender Weise vor aller Welt zu Tage, 
wie wir aus einigen General-Erlassen des Gräflichen Consistoriums zu 
Hanau in der guten alten Zeit sattsam zu ersehen haben. Es wird da 
die Unwissenschaftlichkeit, Trägheit und namentlich ein rüdes, unan- 
ständiges Auftreten verschiedener Prediger mit allem Ernst und Nach- 
druck gerügt, und dass diese verschiedenen Prediger nicht verschwin- 
dende Ausnahmen von der Regel gewesen sind, dafür sind diese Gene- 
raldecrete an und für sich Beleg genug. 
= Bereits am 20. 8. 1766 sieht sich das reformierte Consistorium 
zu Hanau zu seinem grössten Missfallen genötigt, ein solches generale 
zu erlassen von wegen des schlechten Predigens verschiedener Prediger 
auf dem Lande und wegen ihrer üblen Aufführung und unanständigen 
Kleidung, sonderlich wenn dieselben in hiesiger Residenzstadt erscheinen. 
Es soll weiter keine Nachsicht geübt werden und wird allen evangeli- 
schen Predigern der Grafschaft aufgegeben, dass dieselben insgesammt 
und jeder seines Orts sich ihre theuern Pflichten und schwere Verant- 
wortung auf alle Weise angelegen sein lassen sollen, nicht nur in der 
Erkenntnis der Wahrheit zur Gottseligkeit zur Erbauung der Gemeinde 
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