Objekt: Hessenland (50.1939)

3. Der ander Hauff folgt Übermuts), 
Hält rühm undt ehr vors höchste guth; 
Auff daß er den erlangen mög, 
Braucht er abscheulich weiß und weg- 
Giebt sich zu krieg undt Martis spiell, 
Da will er rühm erlangen viell- 
Läßt sich kaufen mit geldt zu mordt, 
Die leut zu würgen hie undt dort, 
Die er sein lebtag nie gesehn 
Undt von den ihm kein lehdt geschehn- 
Meint, wen er nur viel menschen blut 
Vergossen hab aus übermuth, 
Gewütet fast mit brandt und feur 
Undt andern lästern ungeheur, 
So hab er Ehr geleget ein, 
Damit kön er der vornehmbst sevn. 
Was trägt ihm aber solches für, 
Daß er gewütet wie ein thier! 
Wie will er stehn vor Gotts gericht, 
Der solchs mit grimmigen äugen sieht, 
Stürtzt runter Pracht und übermuth, 
Rechnet gröblich unschuldig bluth! 
4. Die dritten brauchen hohen Witz, 
Haben bey sich gedanken blitz, 
Wie sie durch kunst auff dieser erdt 
Erachtet seyen hoch gelehrt- 
Steigen hinauf ans firmament, 
Wissen die kräfft der element, 
Verachten ander leut wie Vieh, 
Gleich weren allein undt alles sie; 
Messen berg, that, thürm, Städt und landt, 
Rechnen wie viel am Meer seh sandt- 
Philosophiren, sindt Medici 
Oratores und musici, 
Juristen, die das recht uns lehren. 
Woll Gott sie thätens nicht verkehren, 
Thäten reich und armen gleich- 
So wären sie nicht all' so reich. 
Aber was bekommens all' darvon, 
Als müh undt arbeit so sie hon! 
Was ist doch aller menschen kunst! 
Was hats vor rühm! Was hats vor gunst, 
Bey Gott der Ewig weißheit ist! — 
Thorheit ist aller menschen list. 
5. Der vierte theil liebt nur gut undt geldt, 
deine er mit allem fleiß nachstelt- 
Scheuet kein Arbeit tag und nacht, 
Bis er Nahrung zusammen bracht; 
Braucht list, betrug, finantzerey 
künstelt, Wucher, aufsatz mancherley, 
Undt saugt dem armen aus sein Bluth, 
Wie der verflucht stulrüuber thut, 
Der stielt vielmehr als andere Dieb. 
Lest also gelt ihm mehr gelieb 
Als sonst alles auff dieser Welt. 
Aber was hilft gut oder gelt, 
Wan einmahl muß der reich davon! 
Muß ers nicht all hind sich lahn? 
Braucht auch deßselben nicht zur noth 
Undt thut seim eigenen leib kein guth. 
6 . Der fünft theil ist die geistlichkeit, 
die ist zum müßiggang geneigt; 
Drum halten sich auch viel darzue, 
Möchten dadurch guth tag und ruhe, 
Daß sie ein vollen Bauch nur Hahn 
Undt sich viel freyheit maßen ahn. 
Mißbrauchen also Gottes wort, 
Stiften ahn vieler seelen mordt, 
Seindt, wie mans fordert undt begehrt, 
Wollen vor andern seyn geehrt- 
Vertheidigen auch falsche lehr, 
Achten nicht wen deßhalb beschwer- 
Treiben Unzucht, abgötterey, 
Finanz, aufsatz undt Simoney- 
Suchen ihren nutz durch übermuth. 
Wozu ist aber solches gut? 
Was haben sie hiervon zuletzt? 
Gleich was die andern obgesetzt: 
Ein boeß gewißen tag undt nacht, 
Biß sie endtlich, sambt allem Pracht, 
Von dieser Welt mit leib und seel, 
Der Todt stürtzt in Abgrundt undt höll. 
Derselbig ist der fünden solt, 
Vor den hilfst weder gewalt noch golt, 
Weder Wollust, kunst noch Pfafferey, 
Der todt wohnt allen menschen bey. 
7. Undt wer der Welt folgt wie gemelt, 
Ist auch derselben zu gestelt. 
Drum weil des menschen sinn undt muth 
Geschaffen ist zum höchsten guth, 
Sol's über sich sehn alle zeit, 
Christo zu folgen seyn bereit. 
Oer giebt die ewig wehrendt Crohn, 
All'n die von der Welt ablahn, 
Wie die lieben Ertz Väter Hahn 
Sambt den Propheten auch gethan. 
Zum Himmel ist kein ander steg 
Dan nur Christus der ist der weg. 
(Oie Interpunktion zumeist geändert.) 
Roch eine weitere Inschrist von zeitgeschichtlicher Be 
deutung stand einst im Notenburger Schloßbau. Sie war 
gewißermaßen die Bestimmungsurkunde der um 1580 
als protestantische Kirche erbauten Kapelle. Die Reime 
sind von der gleichen Stelle überliefert, die auch die vo 
rige Inschrift ausgezeichnet hat. Die Kapellenverse geben 
einen eindringlichen Beweis des Stolzes, den man über 
die Behauptung einer kirchlich-religiösen Anschauung 
empfand, die einen tüchtigen Schritt zur inneren Freiheit 
und Selbständigkeit getan hat. Luthers Reformation, 
kaum vor 60 Jahren begonnen und mit fast urgewaltiger 
Macht im Laufe des Jahrhunderts in die Herzen aller 
Deutschen eingezogen, hatte man wenig später nur noch 
in emem Bruchteil des deutschen Lcbensraumes — dort 
allerdings siegreich — verteidigen können. Viel an äuße 
rem Besitz war durch eigene Schuld in kurzer Zeit ver 
loren gegangen. Noch viel mehr sollte an innerem Besitz, 
richtiger wohl: Reichtum verloren gehen, sobald die re- 
formatorische Stoßkraft, die das menschliche Glaubens 
leben revolutionierte, in den verschiedensten neuen Kir 
chengebilden, in ihrer Dogmatik, ihrer Selbstherrlichkeit,
	        
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