Full text: Friedrich Wilhelm August Murhard

äs wirkt ergreifend, liest man in den verstreuten Mlät. 
tern und in den Verteidigunzsschriften, die Murhard dem Gericht 
and seinem Anwalt unberbreitete, wie er seelisch unter diesen. 
uständen 1itt. In seiner Darstellung jenes anderen Gerichtsver 
fahrens in den 20er Jahren findet sich eine Stelle,die auch für 
liese Sreignisse passt,und die hier angeführt sei,weil 818 zu- 
gleich autobiographischen Wert hat:Man denke sich einen ge fühl- 
vollen, bei einem zarten Nervenbau äusserst empfindlichen und 
reizbaren Mann, aufs Aeftigste angegriffen durch alles das,was 
nit ihm vorgegängen, in dieser hülflosen Lagel Gewöhnt an alle 
3equellichkeit:n des Lebens musste der Zustand, worin er sich 
erblickte, doppelt schmerzhaft auf ihn wirken. Er,der das Wohl. 
ler Menschheit mit 80 inbrünstiger Wärme fort und fort im Herzen 
zetragen, er, der fern von jeger Art von Zgbismus den höchsten 
Beruf seines Lebens dareingesetzt, mit allen von. der Natur und 
vom Glügß ihm verliehenen Mitteln zum Besten der Menschen zu. 
virken,sah sich jetzt von ebehdiegen Menschen gleich einem Debel- 
täter behandelt, Seine rege Phantasie trug vo116n45 dazu bei, 
ihm die grausame lNärte seines Geschicks in den schwärzesten _ 
7arben zu malen, Zr befand sich -das fühlte er lebhaft,- in der 
jewalt der Bosheit und im den Händen der Willkür,und gerade die— 
3er Gedanke machte seine Lage verzweiflungsvoll. Denn wie konnte 
anter solchen Umständen.ein Stern der Hoffnung zur Hilfe und * 
Rettung Tür ihn anders Leuchten, als durch den vom Zufall abhän- 
gisen Sturz jener Bosheit und Willkür? Einst,als Vurhard ‚auf 
seiner Reise nıch der Levante von Smyrna nach Venedig schiffte, 
maırde auf der Höhe von Korfu auf das Fahrzeug,das ihn trug,vonm 
sinem tunesischen Korsaren Jagd gemacht, Das 8pi01 der $indil- 
iungskraft mit lauter düsteren Bildern hatte seinen Verstand so 
verwirrt, dass mx die Gefangenschaft, in die er mitten auf eine: 
Reise im zivilisierten Europa als Mann jetzt geraten war, ihm al: 
Bin Gegenstück zu jenem Raube vorkam, womit er als Jüngling von 
len, Barbaresken bedroht gewesen war.” (a,Murh.Bibl,.). 
Tritt hierzu nun noch das äussere Bild Murhards, das 
ihn als einen mittelgrossen Mann zeigt von ebener Statur,mit ei- 
nem feinen, sSchmal-ovalen Gesicht, dem eine hohe freie Stirn 
unter blondem Huar, ein Paar graublaue Augen und eins schmale Y 
Vase ein Charakteristisches Gepräge geben,S0o werden damit die gas 
ten, allem Heftigen umd Kraftpochenden oder gar Gewaltsamen abge- 
neigten Züge seines Wesens wirksam unterstrichen, Sicher nicht 
ınpraktisch in den Dingen des Lebens und schon durch Vererbung 
5tark wirtschaftlich veranlagt, war er von grosser Anpassungs- 
Fähigkeit; aber bei aller lebhaften Anteilnahme an den Dingen des 
Vages und sonderlich den öffentlichen und politischen, doch letg- 
andes eine stille Gelehrtennatur von ganz ausserordentiichen 8 
“leiss und einer Belesenheit, die wennschon seine Schriften hin- 
reichengd Zeugnis davon ablegen,den Kenner seines schriftlichen _ 
jachlasses oft in Staunen verMtzen, Ab und zu ein Anhauch von Büe 
eherstrub und wiederum an anderen Ctellen eine leichte Pose,bei 
vollem sozialen Bewusstsein und Bekenntnis zum Bürgertum, was ihr 
ainst als Redakteur der Politischen Annalen das Angehak, den Herzg 
örnst, für eine Apologie der Coburger Verfa-ssung def Weheimer V 
Lezationsrat zu bekommen, ausschlagen liess, wennschon er die Apo 
logie schrieb (Pap.a,lurk.Bibl.),doch wieder die aus gehobemer, ” 
materiell unabhängiger Lebensführung entspringenden Formen eines 
individuellen Aristokratismus; vielleicht im Unterbewusstsein _ 
ein ererbter, durch den Aufstieg der Vorfahren in die @bersten 
Schichten des fürstlichen Beamtentums, sonst ein solcher intel- 
lektueller Zinschätzung; frei von Motiven aesth@tisch-kinstleri- 
scher Art, sondern genz auf leidenschaftslose, theoretische Kri= 
tik und moralisch-ethische Pädagogik gestellt, und dadurch aller- 
dings mit starken Kräften durchseizt,die auf kollektivistische _ 
und im Sinne des zeifloden Humanitätsideals gerichtete Betätigung 
Ainausdrängen, bei allem Rationalismus, den letzten Hintergrund 
amspannend mx ein EZ DEU ROSS Sans selten zurestandener ,aber 
3tets belebender metanphysischer Glaube, | K 
Es soll hier er Hinweis genügen, wie sehr das Wesen 
an98 Werkes mit dieser Analyse des DOTSULLUNen ioser dem ae 
Jurhard übereinstimmt, und wie in Form u Intalt die3eE SOSMr 
bl A AT uns zu sehen ist.
	        

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