Full text: Friedrich Wilhelm August Murhard

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Aufnehme in das Aufgabenbereich des Staates nicht eine Belast 
ergibt, durch die der ursprünglichste jeweilige Grund« und  KEuD- 
zweck des Staates erdrückt$ wird (Zw.d.5t.350=9). 
Damit ist schon angedeutet, dass es weniger um Formulie=- 
rung eines einzigen Staatszweckes geht, als vielmehr um ein „Sy- 
stem von ZArecken, die einander wechselseitig zu ihrer vollkommenen 
Verwirklichung begürfen” (ebd.362). Bei der  Fomunlon und inhalte 
lichen Bestimmmg dieses Zwecksystems setzt sich Murhard mit den 
verschiedendsten Ansichten auseinander. In gleicher Weise lehnt 
er von vornherein Amffassungen ab, die wie Haller, Pfeilschifter, 
und die Naturphilisophie dem Staate gäarkeine oder eine höchst 
verschwommene und dehnbare Zwecksetzung „an Organischer Stelle 
im Organismus des Universums” geben (ebd,73); und ebenso wendet 
er sich sogen die Auffassung der Antike, dass der Staat als Selbst 
zweck und der Bürger nur als Mittel anzusehen sei (ebd.13).Der. .* 
Staat ist niemals das „Bett des Prokrustes, worinnen man den 
Menschen ausreckt, verstümmelt bis er hinelinpasst", heisst es wohl 
Segen Hegel gerichtet (ebd.15); vielmehr „der Mensch und immer nur 
er Mensch kann der Zweck dieses menschlichen Institutes sein® 
Der kritischen Philosophie und Kant gesellt er sich zu, 
wenn er dem Staatsberriff und der staatlichen Vereinigung und 
Bindung vornehmlich die Stabilität, die Ausschaltung des Dishar- 
monischen, die gegenseitigen Nilfeleistungen unter Formen, die 
verschieden sind nach der jeweiligen Kulturstufe eines Volkes, und 
besonders die Erhaltung des Veränderlichen beimisst, an die der 
Fortschrift und die Tntwicklung geknüpft sind (Zw,0.5t.46 ff). 
Allein schon in der starken Betonung dieses letzten Motivs liegt 
der Klang, der den Liberalen unterscheidend von anderen in seiner 
Furcht vor Erstarrung und Verknöcherunz zeigt. In üblicher Begrün- 
dung von äusserer Freiheit umd Sicherheit, von Zigentum, Dasein 
und Streben wird das allgemeine Kechtsgesetz gefordert (eDd4 57) a 
und dem Moralgesetz seine ausserstaatliche Sphäre zugeeirnet.30- 
fort nimmt Murhard Stellung gegen Kant und seine Anhänger bei der 
Frage, Oh mit dieser Rechtssetzung zugleich der Zweck des Staates 
erfüllt sei. Es ist ihm verständlich, wie Kant zu diesem 3tandpunk 
ekommen, Infolge des politischen Druckes des 18.Jahrhunderts ver- 
for man alle höheren “taatszwecke aus dem Auge und besonders auch 
seit Juristen sich mit staatsrechtlichen Fragen beschäftigen, kam 
men in der politischen Abenteurerwelt der europäischen Staaten, 
die ganz.auf Minoritätsherrschaft aufgebaut (ebd.124) letzendlich 
aus selbstsüchtigen Beweggründen dazu, mit der Rechtssicherheit. 
das Wesen des Staates zu erschöpfen, wobei im Bestreben einen 
Schutz gegen Willkür und Revolution zu Finden Regenten und Regierte 
wiewohl sonst in anderen Dingen sich als Gegensätze betrachtend, 
doch in der Annahme der Herrschaft des Kechts für den vornehmsten 
Staatszweck vollkammnen übereinstimmten" (ebd.137). Kant macht er 
ausdrücklich den Vormurf,den Begriff des Staates zu eng gefasst 
zu haben (ebd.129), denn „bei fortschreitender Kultur werden in= 
Gefanen höhere Ansprüche an die Bestimmung des Staates geheftet" 
(eba.89). Man darf nicht bei den Zwangsvorstellungen stehen blei- 
ben, am allerwenigsten bei den politischen, „Brhebt man Sich. da—=. 
egen zu einer höheren Ansicht vom Staate,dann zeigt sich der 
Staat als das Werk einer freien Kulturarbeit und Menschenbildung, 
wo an die Stelle des äusseren Zwangs die innere Sn der mowa} 
ralischen Gefühle und Sedürfnisse tritt,dio das Nesultat der Zivi- 
lisation sind" (ebd.1718). Deshalb stellt em» in der SenoHBETt mit 
Genugtuung ein Aufzeben der verba magistri fest und ein 5Sesinnen 
auf antike Vorstellungen von den Beziehungen zwischen Recht und. 
Sittlichkeit,„daß die Sittlichkeit immer der letzte und sicherste 
Träger des Rechts überhaupt, und das Rechtliche bloß die allgemeim 
ne Grundbedinzung der Manifestierung sittlicher S3trebungen im äus- 
Seren Gesellschaftsleben sei", „dass vielmehr rechtlich=sittlicohe 
Ordnung der umfassende Zweck des Staates sein müsse" (cbd.131). 
Nur dadurch, dass e%n höherer, das Recht unter sich begreifender 
Staatszweck, nach we/lchem sich der Rechtszustand zeitgemäss mO= 
di£izieren muss, aufizefunden wird, vermag das Leben des Staates 
davor bewahrt zu loben dass es nicht in dem Rechte als dem POST 
sten seiner Elemente! verknöüchere und erstagre” (ebd.135).Und 30 is 
Bet Staat nicht nur @in®s Rechtsanstalt,sondern zum@leich eine ET oSs€ 
Bildungzsanstalt (ebe..143).
	        

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