Full text: Brief von Franz Engelhard an Ludwig Emil Grimm

Guter Ludwig. Wie kommt es denn, daß du in deinem letzten Briefe gar nichts von der Reise

erwähnst, welche du diesen Frühling zu machen Willens bist und von der Gegend, wohin dich die Flü-

gel der Kunst tragen sollen. Es wird dir wohl etwas schwer werden, von Cassel zu scheiden, denn

es hat, wenn ich nicht irre, verlauten wollen, daß du das Veilchen, auf welches ich dich einst in

der Carlstrase unweit der Minze aufmerksam machte, in seiner Verborgenheit gar wohlge-

fällig betrachtetest. Ich wünsche dir beÿ der alten Leutheuser so gut zu stehen, als ich beÿ ihr

stand; da blühete dies Veilchen oft neben anderen und übertraf sie durch Zurückgezogenheit.

Daß du auf dem Ball, welchen du mit deiner Schwester beÿwohntest, die anspruchsvolle Lennex

verschmähetest, kann ich dir nicht verdenken; die Wahl war auch gar zu leicht. Henschel war wohl

mit auf dem Ball; ich zweifle nicht daran, daß er dein bester Freund ist. Frage gelegentlich

Schotten, ob Friedrich Möller noch in C. ist, welchen ich dir als einen sehr guten Menschen empfehle.

Kestler ist ein Null, Schotten eine gutmüthige Alltagsseele. Büttger war, ehe er von Bauer

so umsponnen wurde, ein recht angenehmer Gesellschafter.

Daß Herr Löhn, und wie und weshalb, er gefällt ist mir ein neuer Beweis, daß die Damen

in vielen Stücken allen Orte gleich sind. Die hiesigen Schauspieler mit denen ich öfters zusammen

bin rühmen seine Kunst, sich auszupolstern. Ob ich gleich manches in Düsseldorf angenommen habe,

was nicht viel taugt; so habe ich mich doch von der Sucht das Schauspielhaus zu besuchen ganz freÿ

erhalten; ich werde wohl wie viel Geschmack daran finden, Leute ein Privilegium, daß zu scheinen

was sie nicht sind, ausüben zu sehen, da es so viele gibt die diese verderbliche Kunst zwar un,

privilegiert aber doch unbestraft ausüben. Dagegen lese ich sehr gern Schauspiele und dergl:

Wenn du glaubst, daß ich an gewissen Leuten hier großes Wohlgefallen fände, und deshalb

wohl gern lange hier bleiben möchte, so hast du nur halb Recht. Mich soll es freuen, wenn

mein Versuch mit einer erz prosaischen Feder etwas schönes zu beschreiben und zu übertreiben

deinen Beÿfalt erhalten hat. Die Sache hat sich in eine affaire de coeur verwandelt d.h.

ein Verhältniß, in welchem man artig gegen jemanden ist, ohne daß ein deutsches Herz etwas

dabeÿ empfindet. In diesem hübschen Figürchen liegt nicht einmal ein Keim zu irgend et-

was Gutem. Sie Familie ist aber intereßant; eine Musterkarte von hiesigen herzlosen

Menschen.

In Beantwortung der Frage in deinem Briefe: ob mit den alten Pfisters nichts anzufangen

seÿ? erwiedere ich: nicht viel. Der alte Herr lebt jetzt in den Jahren des siebenjährigen

Kriegs und zwischen hebräischen griechischen und lateinischen Biebeln. Er ist ein großer Welten-

                                                                                                                                                             beo-

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