Full text: Zissel (1976)

Alles für den Sport 
Nacherzählt von Heinz Heicken, 
Etwas erschöpft, mich aber trotzdem wohl fühlend, beendete ich meinen Lauf 
im Fürstengarten nahe unserer Wohnung. Seit einiger Zeit habe ich mir ange- 
wöhnt, mindestens einmal in der Woche, wenn.möglich auch zweimal , einen 
leichten Dauerlauf durch den Park zu absolvieren. Obwohl es mich immer 
wieder eine Portion Selbstüberwindung kostet, den Feierabend oder auch den 
Samstag mit dieser Anstrengung zu unterbrechen, bin ich nachher doch befrie- 
digt, aus eigenen Kräften ins Schwitzen gekommen zu sein und dem Körper 
seine natürliche Fortbewegung ermöglicht zu haben. Angefangen habe ich mit 
einer kurzen Strecke und dabei gespürt, daß diese meinem Rhythmus angepaß- 
te Leistung sehr dosiert auf Herz und Kreislauf wirkt, 
Jedenfalls lief ich gerade locker aus, als unser Nachbar seine Garage abschloß 
und vieldeutig lächelnd wartete, bis ich herankam. "Aha, etwas getrimmt", 
stellte er fest, "Ja, etwas", gab ich zu. Er ist sechs Jahre jünger, aber dafür 
zwölf Kilo schwerer als ich, "Was meinen Sie, wie ich gefahren bin, um die 
Sportschau im zweiten Fernsehen noch zu erwischen" , fuhr er fort, und seine 
Augen leuchteten stolz. "Mein Sportprogramm versäume ich nie. Sie doch auch 
nicht?" "Ich sehe das fast nie", mußte ich erwidern. Mit einem Blick auf die 
Fernsehantenne auf dem Dach meinte er:"Ich bin wirklich froh, daß ich die neue 
Antenne anbringen ließ, wo man auch Österreich | und II empfangen kann. Die 
Österreicher bringen viel mehr Sportsendungen als ARD und ZDF zusammen. 
Da sieht man Sport viel öfter und ausführlicher. Sie wissen doch die Einstellung 
von Ö.I und II ?" Ich wußte nicht. "Sicher haben Sie letzte Woche den Davis Cup 
gesehen?" Leider mußte ich verneinen,. "Ja, und die Eishockeyspiele, das war 
Sport, was", ereiferte er sich, und wir mußten langsamen gehen, weil er ziem- 
lich ins Schnaufen kam. Aber wieder mußte ich passen. "Glauben Sie mir, das 
Endspiel der Bayern hat mich vielleicht ins Schwitzen gebracht" , seufzte er. 
Endlich konnte ich bestätigen, dieses Spiel auch gesehen zu haben. Mein Ge- 
wissen wurde wirklich etwas leichter, Aber schon seine nächste Aufzählung hat- 
te ich wieder nicht gesehen, Enttäuscht verabschiedete er sich im Hausflur: 
"Sie haben aber auch nicht viel für den Sport übrig". 
Kleinlaut ging-ich ins Bad, um mir meinen unsportlichen Schweiß abzuwaschen.
	        

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