Full text: Zissel (1976)

Die Gnädige ließ sich von einem Badeknecht massieren oder 
duschen, während der Herr Gemahl sich vom Bader rasieren 
und die Haare schneiden ließ. Klein-Konrad trieb inzwischen 
eingehende Vorstudien, während seine ältere Schwester unter 
der Hand die ersten "Mittelchen" kaufte. 
Alleinstehende, nicht mehr ganz jugendfrische Damen beten 
mitunter den Badergesellen Hans für eine kleine Weile exklu- 
siv zu sich in die Badekabine und auch die Mägde verdienten 
sich manches Geldstück nebenher. Kein Wunder, daß es den 
Landgrafen und seinem Hof ebenfalls in die öffentlichen Bade- 
stuben zog. Sogar ein Teil der Regierungsgeschäfte ließ sich 
dort abwickeln. Gespräche mit auswärtigen Politikern oder Er- 
örterungen mit den eigenen Ständen, dem damaligen Parlament, 
entbehrten ohne das einengende Hofzeremoniell, von Adam zu 
Adam sozusagen, einfach der nüchternen harten Sachlichkeit 
und Schärfe, sie waren menschlicher und damit meist auch 
wirkungsvoller. 
Selbst die Geistlichkeit verschmähte die öffentlichen Badehäuser 
nicht."Die Äbte, Mönche (das Ahnaberger Kloster lag ja gleich 
nebenan) und Priester badeten in größter Freiheit mit den Frauen 
und schmückten die Haare mit Kränzen, alle Religion beiseite 
lassend'" lesen wir in der "Congeries'", der hessischen Chronik. 
Wie man sieht, waren die "Alten" keineswegs prüde, Sie verber- 
gen hinter den würdevollen Mienen mit denen sie uns aus den 
alten Gemälden anschauen, mehr als wir uns träumen lassen. 
Wie kurzweilig die Tage in den Badestuben waren, läßt der Stoß- 
seufzer eines Adeligen aus der landgräflichen. Hofgesellschaft er- 
ahnen: "Meine Einkünfte gestatten mit leider nicht den täglichen 
Besuch der Badestube. Ich muß immer ein um den anderen Tag 
aussetzen!" -
	        

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