Full text: Geschichte der Residenzstadt Cassel

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womit er im Grunde nur auf die alte Bestimmung Kaiser Heinrichs II. und 
seines Privilegs von 1019 zurückgreift. 
wegen der Wichtigkeit dieser Urkunde 1 ) und der verschiedenen Aus 
legung, die sie erfahren, ist ein näheres Eingehen darauf geboten, wenn die 
Brüder von Wolfershausen gewisse Gerichtsbezirke (Centen) und insbesondere 
das Gericht über das Dorf Dyetmelle erhalten, so liegt wohl klar auf der Hand, 
daß ein Dorfgericht kein Oberstes Gericht fein kann, und daß von den Worten 
„et specialiter jurisdictionem super uillam Dyetmelle que oberste gerichte vo- 
catur“ der Relativsah que usw. nur mit villam verbunden werden kann. Sie 
erhielten also nicht das Oberste oder Grafengericht, sondern nur das Gericht 
eines Dorfes, welches zugleich die Malstatt des obersten Gerichtes war. Man 
kannte noch die Bedeutung des Hamens Dyetmelle. Unter den Centen oder 
Hundertschaften, von denen die Casseler Schultheißen eine Anzahl bis dahin 
verwalteten, find unzweifelhaft die späteren drei Casseler Ämter Ahna, Bauna 
und Heustadt zu verstehen. Bauna hatte die Malstätte zu Kirchditmold bezw. 
auf dem Kratzenberge; Ahna auf der Höhe des Möncheberges; 1 2 ) Heustadt im 
Forst, als dieser noch ein Wald war. Der Kratzenberg und der Forst sind zu 
gleich als alte Begräbnisstätten (Hrnenfriedhöfe) nachgewiesen. Der Hauptort 
des Amtes Heustadt war Heit- (oder Fuld-)hagen, ein Dorf an der Fulda, 3 ) 
aus weldiem sich später die (Hnter-)Heustadt bildete, und wir verstehen jetzt, 
weswegen die Zehnten von Cassel und Delthagen vom Erzbischof zusammen 
vergeben wurden. Ein jedes der drei Ämter zerfiel noch bis zu dem Organi 
sationsedikt von 1812 in eine Anzahl Schöffenstühle, 4 ) das find die Centen 
oder Hundertschaften, von denen in der Urkunde die Rede ist. Don jenen 
drei Dingstätten ist dann später und im Bause der Zeit die Malstatt nach 
Cassel in die Stadt verlegt worden. Es ist das Candgericht, welchem der 
landgräfliche Schultheiß vorsitzt, und nicht mit dem davon unabhängigen 
Stadtgericht zu verwechseln. 
Die Situation ist hiernach die: das Gericht zu Dyetmelle ist einmal ein 
Dorfgericht, später das Gericht „Kirchspiel“ genannt und aus den Dörfern 
Kirch- und Rothenditmold, Wehlheiden und Wahlershausen bestehend. Es 
ist aber auch ein „oberstes Gericht“, d. h. ein Centhauptort, der mit den 
übrigen Centhauptorten, wo der Graf dingte, auf einer Stufe stand und den 
1) Abgedruckt bei Gudenus, Codex diplomaticus, Bd. 3, S. 597. 
2) Das Feld heißt noch jetzt „auf dem alten Gericht“ und liegt unterhalb der 
Wache des Pulvermagazins an der Ihringshäufer Candstratze. 
3) etwa dem Ausgange der Aue gegenüber. 
4) Siehe Engelhard: Erdbeschreibung der hessischen Lande, Bd. 1, S. 146ff.
	        

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