Full text: Geschichte der Residenzstadt Cassel

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noch entwickelt war. Als auch jetjt noch der nicht unerhebliche Rest uon 500000 V7 
Rtl. zu zahlen war, nahm der feit Ende Januar 1758 an Soubises Stelle ge- 
tretene neue Gouverneur von Hessen, Herzog von Broglie, seine Zuflucht zu 0 
einer einzig dastehenden Gewaltmahregel. Am 6. März erhielt die gesamte 
Einwohnerschaft den gemessenen Befehl, datz ein jeder, wes Standes und 
Würden er auch fei, binnen 24 Stunden fein sämtliches in Händen habendes 
Geld an die hessische Regierung in der Form von Darlehen abzuliefern habe, 
wofür des Landgrafen Güter als Unterpfand haften sollten, — bei Strafe der 
gefänglichen Einziehung des Widerspenstigen und gleichzeitiger Konfiskation 
des etwa gefundenen Geldes, von welch letzterem dem Denunzianten der 
dritte Teil zufallen sollte. Jmmerhin und trotzdem Uertrauensrnänner aus 
der Bürgerschaft von Haus zu Haus gingen, die Beiträge einzusammeln, kam 
wiederum nicht mehr als die Summe von 50000 Talern zusammen. Für die 

übrigen 450000 mutzten die hessischen Stände als Selbftschuldner eintreten. 
Es war offenbar, datz die Franzosen auf diese Weise England in Hessen 
zu brandschatzen gedachten. Die Eile, mit der sie ihre Forderungen einzutreiben a 
suchten, war das sichere Merkmal ihres baldigen Abzuges. Denn am 22. Februar 0 
hatte Herzog Ferdinand den Feldzug eröffnet, die Festung Minden einge- 
nommen und Hannover und einen Teil von Westfalen von den Feinden ge- 
säubert. Als feit dem 12. März feine Dortruppen sich auch im nördlichen 
Hessen zeigten, da waren bald alle Anstalten zum Abzüge der Franzosen ge- 
troffen. Seit dem 7. März schon hatten sie das Zeughaus geplündert und die 
reichen Dorräte desselben auf 300 Wagen nach dem Maine hin abgefahren. 
Am 17. lietz der Herzog von Broglie fünf der angesehensten Mitglieder der 
Stände mit Arrest belegen, um sie als Geiseln für den rückständigen Rest der 
Kontribution mitzunehmen, und am 21. März erfolgte der Abmarsch der 
ganzen Garnison zum Müllertore hinaus in der Richtung nach Faderborn 
zu. Zum Ruhme der Feinde wird bemerkt, datz er tadellos und ohne alle 
Ausschreitungen vor sich ging, wie denn der Herzog selbst es sich angelegen 
sein hetz, alle Plünderung zu verhindern und ein österreichisches Husarenregi- a 
ment, das hierzu nicht übel Lust zeigte, in eigener Person zur Stadt hinaus- 
kommandierte, überhaupt hatten die Franzosen bei dieser Anwesenheit 
die beste Mannszucht gehalten, so daß — wie ein Zeitgenosse sagt — ein jeder 
bei dem Besitze des Seinigen wohl sicher sein konnte. 
Der Rückkehr des Landesherrn stand nunmehr nichts im Wege. Immer- 
hin verging noch der Monat April, ehe sich diese für den alten Herrn ermöglichen a 
hetz, und erst am 6. Mai, einem Sonnabend, abends gegen 6 Dhr, langte Wil- 
heim VIII. in seiner Residenz an. Der Einzug geschah auf der Stratze von
	        

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